Wahlkampf : Zwischen Pracht und Problemkiez

Jung, Alt, Reich, Arm – die Wählerschaft in Mitte ist so heterogen wie der Bezirk. Hier verteidigt die SPD-Kandidatin das Mandat gegen einen CDU-Newcomer.

Sabine Beikler
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Groß in Mode. Als Mittes Szenekiez gilt nach wie vor die Gegend um den Hackeschen Markt - Standort für junge Designer,...Foto: dpa

Unter dem überdachten Eingang des Kaisers-Markts steht fröstelnd ein Straßenverkäufer der Obdachlosenzeitung „Motz“. Es regnet in Strömen, Passanten laufen tief geduckt unter Regenschirmen, die sie erst kurz vor dem Eingang zuklappen, in den Supermarkt. Für den Straßenwahlkampf an einem Morgen um 9 Uhr in Wedding, Brunnen-/Ecke Stralsunder Straße, hätte sich die SPD-Direktkandidatin Eva Högl sicher besseres Wetter gewünscht. Die 40-jährige Juristin, weiße Hose, schwarzer Blazer, darunter ein türkisfarbenes T-Shirt mit der Aufschrift „Wedding 65“, versucht trotz des ungemütlichen Wetters Wahlkampf-Flyer zu verteilen. Ein Mann bleibt stehen, zeigt auf die Hochhäuser der städtischen Degewo-Wohnungsbaugesellschaft gegenüber und sagt: „Ich zahle für 3,5 Zimmer 820 Euro Miete. Ein Leiharbeiter bekommt im Schnitt 700 bis 800 Euro. Sie verstehen? Dann guten Morgen.“

Nirgends sonst in Berlin steigen die Mieten so stark wie in Mitte. Seit der Wende wurden heruntergekommene Quartiere zum Teil topsaniert. Und Mieter, die sich höhere Mieten nicht mehr leisten konnten, mussten wegziehen. Der Druck auf dem Mietwohnungsmarkt wuchs aber auch im ehemals „roten Wedding“, der einstigen Hochburg der Arbeiterparteien.

Eva Högl, die nach zehn Jahren Tätigkeit im Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Januar für Ditmar Staffelt in den Bundestag nachgerückt ist, spricht mit dem 53-Jährigen über das politische Bemühen, Leiharbeiter genauso wie „reguläre Beschäftigte“ zu entlohnen. Sie plädiert für die Einführung des Mindestlohns, für Reformen in der Hartz-IV-Gesetzgebung. Eine Kappungsgrenze oberhalb des Mietspiegels als Maximalmiete bei Neuvermietungen gesetzlich festzuschreiben, lehnt sie ab. In Mitte ist der SPD nach Berechnungen des Wahlforschungsinstituts election.de der Direktwahlkreis relativ sicher. Vor vier Jahren gewann die SPD in dem Bezirk mit einem Erststimmenanteil von 41,9 Prozent vor der CDU mit 23,2 Prozent, gefolgt von Grünen und Linken mit je knapp 14 Prozent. Ihr „stärkster Konkurrent“, glaubt Högl, sei der CDU-Direktkandidat Christian Burholt.

Der 36-jährige Jurist und Vorsitzende der CDU Tiergarten hat bei seinem Straßenwahlkampf Glück mit dem Wetter. Bei Sonnenschein steht Christian Burholt vor der Ackerhalle am Eingang Invalidenstraße und spricht Passanten an. „Darf ich Ihnen Material mitgeben? Ich kandidiere zum ersten Mal hier.“ Hier in der Mitte von Mitte wohnen neben Szene-Leuten immer mehr junge Familien, die gute Betreuung für ihre Kinder und qualitativ hochwertige Schulen fordern. Burholt spricht eloquent von Bildungspolitik, der CDU-Familienpolitik, aber auch von mehr Sicherheit auf den Straßen. Als ein junger Mann mit ihm über das Spezialthema Betriebserlaubnis für bestimmte Schiffe sprechen will, lenkt er das Gespräch geschickt um auf „Energie-Mix“ und „saubere Energien“.

Ihre Wählerschaft hat die Union vor allem in Mitte Nord und im gutbürgerlichen Wohngebiet des alten Hansaviertels zwischen Spree und Großem Tiergarten. Burholt hofft, auch in der alten Mitte jüngere Wähler zu erreichen. Ob das gelingt? 

Die Wählerschaft ist so heterogen wie der gesamte Bezirk. Kaum ein anderer Bezirk spiegelt die gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit wider wie Mitte. Der Potsdamer Platz, die alte Mitte, viele Bars, Szenekneipen, Clubs, dann das Regierungsviertel, die schicken Altbauten an der Spree in Moabit bis zur Fischerinsel in Richtung Osten und zur Beusselstraße mit den sozialen Brennpunkten im Nordwesten. Mitte ist ein Bezirk mit hoher Fluktuation – und vielen Überraschungen.

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