Berlin : WAHLSplitter

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Im Sonntagsstaat für den Staat. Es ist Wahltag, und man sieht und spürt das auch. Viele Berliner haben sich so richtig schick gemacht für den Gang an die Urne. Anzug, Sommerkleid, Blazer – mitunter fühlte man sich in Schule oder Kita wie im Theaterfoyer.

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Demo für völlig freie Wahlen. In der Welserstraße machte gestern Aydin Akin Wahlwerbung in eigener Sache: Der 63-Jährige Türke hatte Plakate umgehängt und auch sein Fahrrad mit Infofahnen geschmückt: Er will das Wahlrecht auch für Türken, die lange hier leben, aber nicht eingebürgert sind.

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Auf den Zahn gefühlt. In diesem Wahllokal roch es nach Zahnarzt: Die Poliklinik der FU für Zahn-, Mund- und Kieferchirurgie der FU an der Aßmannshauser Straße in Wilmersdorf. Die Wähler liefen vorbei an Fotos von Ärzteteams sowie Zahnimplantaten und Mundhöhlen.

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Kicker an der Urne. Sonntagnachmittag, Hertha gegen Schalke im Olympiastadion. Waren die Fußballer wählen? „Sie haben von uns jedenfalls nicht freibekommen“, sagt Herthas Vereinssprecher. Die Nacht hatten die Spieler im Dorint-Hotel am S-Bahnhof Tiergarten verbracht, am Vormittag war Besprechung. „Wer wählen wollte, war hoffentlich so schlau, Briefwahl zu beantragen.“

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Rechte im Abseits. Olympiastadion, Halbzeitpause, 18 Uhr. Auf der Anzeigetafel wird die erste ARD-Hochrechnung eingeblendet, Desinteresse auf den Tribünen. Nur bei einer Partei großes Interesse: „Die NPD hat es in Berlin wohl nicht geschafft“ – donnernder Applaus von 60 000 Fans. Der Sprecher weiter: „In Mecklenburg-Vorpommern dagegen haben die Rechten …“ – diesmal ein brachiales Pfeifkonzert. Wer behauptet eigentlich immer noch, Fußballfans würden alle politisch nach rechts tendieren?

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Vermerkelt. Bei Wahlkampfveranstaltungen gibt es auch mal was zu lachen. Diesmal bei der CDU, noch am Tag vor der Wahl. Ein Moderator kündigte „Angelika“ Merkel an, ein zweiter begrüßte die Besucher auf dem Breitscheidplatz, obwohl die Veranstaltung auf dem Kranoldplatz stattfand. Dann sprach Angela Merkel von Lichtenrade statt Lichterfelde. Gelächter im Publikum: Als Buße versprach Merkel, mindestens noch zwei Mal nach Lichterfelde zu kommen.

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Schön lange schlafen? Ja, wär’ ganz nett – trifft auf die 22 000 Wahlhelfer an diesem Tag aber nicht zu. Die Jungs und Mädchen an der Kurt-Schwitters-Gesamtschule in der Greifswalder Straße hocken seit 7.15 Uhr in ihren Klassenräumen, bis 21 Uhr wird ausgezählt. Ihr Lohn: 26 Euro und ein freier Tag. Mittags schaut Landeswahlleiter Andreas Schmidt von Puskás vorbei mir einem Blumenstrauß für die Lehrerinnen („Ich danke Ihnen, stellvertretend für alle 22 000 Wahlhelfer!“). Auch für die 18 und 19 Jahre alten Schüler hat er ein tolles Geschenk dabei. „Hier, das ist für Sie“, sagt er zu den Schülern und knallt – tatata! – die neuesten Info-Broschüren „Zur finanziellen Situation Berlins“ auf den Tisch. Der Wahlchef lächelt, die Schüler versuchen das zumindest.

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Blindes Vertrauen. „Also das ist ja unmöglich“, sagt Anke Overbeck. Da hat die blinde Frau zu Hause mit Wahlschablone und Info-CD-Rom geübt, hat sich Spickzettel geschrieben, auf denen steht, welcher Wahlschein wie lang ist, und dann das: „Aber nun ist der für das Volksbegehren genauso lang wie der für die Erststimme!“ Die 51-jährige Sozialarbeiterin hat in ihrem Wahllokal in Schöneberg dann doch das Kreuzchen an der richtigen Stelle machen können, allerdings dank der Hilfe von Sehenden. Eigentlich sollen Blinde allein wählen können. Dazu müssen sie die vier Zettel nacheinander in eine Schablone legen: Jede Partei hat eine Zahl, dahinter ist ein Loch für den Stift. Dass der Schein richtig herum liegt, erkennen sie daran, dass sich das kleine Loch im Wahlzettel rechts oben befindet. 2700 dieser Schablonen hat der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein gratis an Mitglieder geschickt, sagte ein Sprecher. 6000 blinde und 20 000 sehbehinderte Berliner sind wahlberechtigt. Berlin war 1994 die erste deutsche Stadt, die die Schablone hatte. Die Produktion zahlt der Landeswahlleiter. Viele Blinde geben ihre Stimme aber mit Hilfe Sehender per Briefwahl ab.

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Wahlhelfer-Dynastie. Nirgendwo wählten die Berliner gestern wohl luxuriöser als im Hotel Ramada Plaza in Schöneberg: Da deuten die Hinweisschilder auf Marmor neben Orchideen den Weg zu Bankett, Salon – und Wahllokal des Stimmbezirks 609. Im schicken Raum wiederum achtet eine regelrechte Wahlhelfer-Dynastie darauf, dass alles seinen richtigen Weg geht: Familie Grenzendörfer, drei Brüder und ihre Frauen. „Der Vater hat die Tradition vor Jahrzehnten begründet, und seitdem machen wir alle mit“, sagt Claudia Grenzendörfer, 38, Ehefrau von Axel, 44. Die Grenzendörfers sind von Beruf Gärtner oder Verwaltungsfachangestellter, einige Familienmitglieder kommen aus dem Umland angefahren – eine Wahl lassen sie sich nicht nehmen. Was ihnen als Routiniers im Jahr 2006 auffällt? „Viele Leute kennen sich mit der Abstimmung zum Volksentscheid überhaupt nicht aus“, sagt Claudia Grenzendörfer.

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Falten? Knicken? Mancher runzelte die Stirn: Was soll man mit den Wahlzetteln machen, wenn die Kreuzchen an den richtigen Stellen sitzen? Umschläge, in die man die Dokumente hätte einstecken können, gab es nicht. Sollte man die Papiere offen zur Wahlurne tragen? Sollte man sie knicken? Einmal in der Mitte? Zweifach? Alle Wahlzettel in der Druckerei maschinell zu falten, wäre ein zu großer Aufwand gewesen, hieß es im Landeswahlleiter-Büro. Und die Umschläge? Ach, die gab es schon 2001 nicht mehr. Tsp

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