Wahlverwandtschaft : Eine Familie voller Wahlhelfer

Ein Familientreffen der etwas anderen Art: Die ganze Familie Burow hilft am Wahltag im Wahllokal. So richtig stressig wird es für sie erst am Abend - und ein Wähler, der in diesem Jahr nicht mehr dabei sein kann, wird ihnen fehlen.

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Nicht nur am Wahlabend wichtig: Die Wahlhelfer, die auch die Stimmen aus der Briefwahl auszählen müssen.
Nicht nur am Wahlabend wichtig: Die Wahlhelfer, die auch die Stimmen aus der Briefwahl auszählen müssen.Foto: dpa

Die Burows haben an diesem Sonntag Familientreffen – von morgens um sieben bis etwa abends um neun im Seniorenheim in der Bundesallee 33. Außerdem kommen noch Bekannte, so dass sie insgesamt zu acht sind: Die Eltern, zwei erwachsene Söhne, vier Freunde. Günter Burow, dessen Wahlhelferkarriere schon kurz nach Adenauers Amtszeit begann, weiß um die Vorteile dieser Konstellation: Mitsprache bei der Auswahl des bevorzugten Lokals, kein Risiko schwieriger Charaktere und schon vorab Gelegenheit, den Pausenplan zu erstellen, statt die wertvolle Stunde bis zur Öffnung des Lokals zu vertun, weil alle zwischen 13 und 15 Uhr frei haben wollen.

Dass die Wahlhilfe bei den Burows zur Familiensache wurde, ist Zufall: Günter Burow war als Mitarbeiter der damals landeseigenen Gasag zu Mauerzeiten angehalten, mitzumachen. Ebenso Monika Stenzel-Burow als Erzieherin. Die Freunde meldeten sich nach einem Gespräch bei einer Geburtstagsfeier aus Neugier – und blieben dabei. Sohn Eike, 27, „fand es beim ersten Mal spannend“ und hat sich diesmal von seinen Eltern zum Mitmachen überreden lassen. Sein Bruder Ilya, 29, wurde vom Vater nach der Krankmeldung eines Bekannten kurzfristig rekrutiert. „Ich bin neugierig auf die Menschen“, sagt er vor seiner Premiere, „mal den Querschnitt der Bevölkerung zu sehen“. Seine Mutter schmunzelt, weil vor ihrem geistigen Auge das Bild der Menschen in der Wahlkabine erscheint, von denen sie nur den Teil unter der Tischplatte sieht: „Die Beinhaltungen der Leute sind kurios“, sagt sie.

Merkel vs. Steinbrück - Ein Vergleich in Bildern
Es ist leider nicht überliefert, was Merkel und Steinbrück in diesem Moment so aus der Fassung gebracht hat. Als sicher kann gelten, dass sie sich nicht gegenseitig angeschaut haben.Weitere Bilder anzeigen
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21.09.2013 21:10Es ist leider nicht überliefert, was Merkel und Steinbrück in diesem Moment so aus der Fassung gebracht hat. Als sicher kann...

Davon abgesehen ist der Wahltag auch im Familien- und Freundeskreis eine ernste Sache. Morgens müssen zügig die Möbel und Flaggen aufgestellt und die Papierstapel vorsortiert werden, tagsüber akribisch die Wählerverzeichnisse abgehakt und zusätzlich eine Strichliste geführt, um 12 und um 16 Uhr die Beteiligung gemeldet werden. Erfahrungsgemäß herrscht gerade vor diesen Terminen der meiste Andrang – vor dem Mittagessen und nach dem Kaffee. Und hoch betagte Wähler fragen durchaus mal hilfesuchend in die Runde, wo sie nun ihr Kreuz machen sollen. Denen sollte man nicht unbedingt die Antwort geben, die einem vielleicht auf der Zunge liegt. Auch politische Diskussionen sind tabu: Das Wahllokal ist neutrales Terrain.

Erfahrungsgemäß kommen viele auf den letzten Drücker, so dass eine Schlange vor der Urne um 18 Uhr durchaus möglich ist. „Wer schon im Lokal ist, darf noch wählen“, sagt Günter Burow. „Für uns fängt die Arbeit danach erst an.“ Zuerst werden die Zweitstimmen ausgezählt und ans Bezirkswahlamt durchgegeben – für die Hochrechnungen. Dann folgen die Erststimmen für die Kandidaten. Zum Schluss wird gemeinsam über die zuvor separierten „Beschlussfälle“ entschieden: Verrutschte Kreuze, Geschriebenes, Unklares. Zehn solche Fälle gebe es höchstens, sagt Günter Burow, der längst zum Wahlvorstand aufgestiegen und deshalb für den korrekten Ablauf samt abendlichem Transport von Dokumenten und Inventar zum Rathaus Charlottenburg zuständig ist.

An dramatische Zwischenfälle erinnert sich niemand aus der Familie. Monika Stenzel-Burow berichtet aber von einem Mann, der zuvor schon in einem anderen Lokal weggeschickt worden war, das nicht seins war. Einen zweiten Laufpass akzeptierte er nicht – und setzte sich trotzig auf einen Stuhl am Eingang. Zehn Minuten, zwanzig, eine Stunde. Erst nach etwa eineinhalb Stunden sei er wortlos gegangen. Da war es schon fast 18 Uhr. Dabei hätte er sogar bleiben können, denn die Auszählung ist öffentlich. Erfahrungsgemäß komme aber kein Zuschauer, sagen die Burows. In diesem Jahr müssen sie außerdem auf einen Wähler verzichten, dessen Erscheinen jedes Mal eine Art angenehme Überraschung war: Der Schauspieler Otto Sander mit seinem langen Mantel und der wohlbekannten Stimme wird ihnen nie wieder gegenüberstehen.

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