Berlin : Wahnsinn – was sich hier verändert hat

Am Brandenburger Tor, wo vor 15 Jahren die Mauer fiel, interessieren sich die Touristen vor allem für das neue Berlin

Lothar Heinke

Früh am Morgen klingelt das Telefon. Ein Freund: „Ich möchte dir herzlich gratulieren und symbolisch auf den 9. November anstoßen!“ Prost! Ja, ohne diesen Tag wären wir uns nie begegnet, und wenn, dann mit Vorbehalt und Vorsicht. So aber können wir ihn hoch leben lassen, diesen Tag, an dem das neue Deutschland begann. 15 Jahre nach dem Mauerfall gab es das offizielle Gedenken. In der Bernauer Straße ordnet die Polit-Prominenz die Schleifen ihrer Kränze, Pfarrer Fischer spricht schöne Worte in seiner Kapelle der Versöhnung, und manch einer fährt etwas langsamer, wenn er mit seinem Auto Straßen passiert, die einstmals undurchlässig waren.

Meinetwegen können sie den Song „Wind of Chance“ im Autoradio noch so oft spielen – draußen ist, tut mir leid, das reinste Totensonntagswetter. Kein blauer Himmel, keine Sonne, die aufs vereinte Deutschland scheint, alles grau in grau, und niemand in der Nasskälte auf der Straße, der das Sektglas schwenkt und immerzu ruft: Wahnsinn! Die Mauer ist weg! Vielleicht passiert es abends, tröste ich mich, denn das Historische geschah so unverhofft und im Dunkeln, als viele Ahnungslose die Nacht der Nächte verschlummerten, während andere schon auf dem Ku’damm tanzten.

Nicht ganz so hier, am Brandenburger Tor. Auch für die DDR war das damals ein geschichtsbeladenes Symbol. Es lag unerreichbar in der Mitte vom Niemandsland, es gab keinen Spalt in der Mauer, keine Tür, die man einfach aufreißen konnte – hier standen die Grenzer am 9. bedrohlich ratlos herum, hier spülten plötzlich Wasserwerfer die Konterrevolution von der Mauerkrone, und hier baumelte ein Bettlaken mit dem volksweisen Reim: „Bleibt die Mauer, gehn die Leute, fällt die Mauer, ist sie pleite – ja, sie hat es wirklich schwer, unsre arme DDR“.

Erst als längst an anderen Stellen der Strom der Menschen, die hinausdrängten, unaufhaltsam geworden war, standen Ost- und West-Berliner auf der Mauer auf der Lauer – richtig abgebaut wurden die ersten Betonteile erst am 21. Dezember. Heute fahren die Autos an der Westseite des Tores mehrmals über die doppelte Kopfsteinpflasterreihe, die den Mauerlauf markiert, und für einen Moment denkt man an die absurde Idee, den Touristen zuliebe hier das Monstrum wieder aufzustellen und die Geschichte zurückzudrehen. Vor einer Fototafel am Tor stehen drei Frauen aus Nordrhein-Westfalen, ein Luftbild von 1978 zeigt den Mauerverlauf und den leeren Pariser Platz. Jetzt sagen sie das Wort des November ’89: „Wahnsinn!“ sagen sie, „was hier in 15 Jahren gebaut wurde“. Dann nähert sich eine Gruppe von 20 Menschen, eine Kamera läuft und filmt das Spruchband „Centro Pace Assisi“, im Hintergrund das Tor. Gianfranco Costa ist mit 20 Italienern dieses Friedenszentrums zum Jubiläum des Mauerfalls gekommen, um einige Berliner als „Cavalieri per la Pace“ zu ehren und „an diesen großen Moment der Hoffnung für ein friedliches, neues Europa“ zu erinnern. Schon 1988 hatten sie Michail Gorbatschow als „Pellegrino die Pace“ geehrt und im August ’89 vor der Mauer am Brandenburger Tor ein Olivenbäumchen gepflanzt.

Nun erscheint Orjel-Alf, Alfred Drinkmann mit dem Leierkasten – mit Melone und ’ner roten Fliege. Das bringt Stimmung. Alf ist durch den Mauerfall zum „Wossi“ geworden, hat als Handwerker einer bundesdeutschen Firma in Ost-Berlin gearbeitet und die Frau seines Lebens kennen gelernt. Die Ost-Liebe in Prenzlauer Berg. Dort wohnt er nun. Als er seine Arbeit verlor, nahm er das Gesparte und kaufte eine Drehorgel. Der Neunte? „Ein historischer Tag für ganz Europa und für mich“, sagt Alf und meint, man müsse nach vorn blicken, aber die Vergangenheit nicht ganz vergessen. Da holt er eine Spieluhr hervor, dreht „nur für Ossis!“, und was zirpt da leise in unser Ohr? „Auferstanden aus Ruinen“. . .

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