Berlin : Wahnsinns Wagner-Kulisse

Lothar Heinke

Eine vorübergehende Wiederbelebung des Palastes der Republik schon im nächsten Frühjahr und Sommer - bevor die Asbest-Beseitigung beendet ist? Mit Kunstveranstaltungen in den asbestbefreiten Teilen der Baustelle, im Volkskammersaal zum Beispiel? Die Träume, am Montag von der Schlossplatz-Kommission angeregt, fänden ein Ende - wenn sich der Bund als Eigentümer des Hauses nicht noch umstimmen lässt. Manfred Reuß von der Bundesvermögensverwaltung sagte gestern jedenfalls, bis zum Ende der Bauarbeiten im nächsten Herbst seien andere Nutzungen aus technischen Gründen nicht möglich.

Dort, wo beispielsweise die Kulturveranstalter der Sophiensaele Wagner-Musik aufführen möchten - im zum Dom gerichteten Bauteil 1 - liegt der asbestbefreite einstige Volkskammersaal. Aber auch das Logistik-Zentrum der Baustelle mit rund 300 Arbeitern - mit Duschen und Küchen und Sanitärrräumen. Dieses Logistik-Zentrum müsse dort bis zum letzten Tag bleiben, sagte Reuß. Die Verlegung sei zu aufwendig und zu teuer, die Baustelle allein koste schon im Ruhezustand 40 000 Mark am Tag. Und auch nach der Asbestbeseitigung sei das ganze Haus ein riesiger Rohbau mit offenen Schächten und Löchern, und die Verkehrssicherungspflicht werde "Unsummen verschlingen". Es gebe keinen Brandschutz, kein Licht und die Bauaufsicht werde kaum Veranstaltungen genehmigen können.

Mittes Bezirksbürgermeister Joachim Zeller hält dagegen eine Nutzung des Palastes nach der völligen Asbestbeseitigung für sinnvoll - sollte bis dahin kein Konzept für eine Neubebauung des Schlossplatzes vorliegen. Das Bauwerk werde in seinem Rohzustand eine "wahnsinnige Kulisse" abgeben. Man habe bereits vor einiger Zeit mit dem Bundesbauamt und Landesbranddirektor Albrecht Broemme Kontakt aufgenommen und gehe davon, dass Veranstaltungen unter Sicherheitsauflagen möglich seien.

Baustadträtin Dorothee Dubrau brachte die Idee, den Palast schon vor Ende der Asbestbeseitigung zu nutzen, als eine der ersten auf. Die Probleme im Bauwerk seien, verglichen mit denen im Tacheles, minimal. Man müsse nur Wasser- und Stromanschlüsse regeln. Die Kulturstätte Sophiensaele versicherte, sie hätte Erfahrungen mit ungewöhnlichen Theaterorten. Im Palast müsse man "nur noch eine Steckdose finden". Es ließen sich auch mobile Toiletten aufstellen. Und Robert Rath vom Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (LAGetSi) betonte, Asbest-Gefahren für Publikum und Künstler bestünden auf der Baustelle nicht. Es gebe klar abgegrenzte, durch Schleusensysteme und Duschen getrennte Schwarz-Weiß-Bereiche. In den schwarzen trügen die Bauarbeiterr Vollschutzkleidung und Atemschutzmasken, die weißen seien von der Schadstoffbelastung her ungefährlich und für jedermann zugänglich. Nur Gerüste oder Baumateralien könnten gefährlich sein, aber dafür sei die örtliche Bauaufsicht zuständig.

Die Schlossplatz-Kommission hält eine rasche Zwischennutzung des Palastes schon während der Bauarbeiten für sinnvoll.
Christian Van Lessen

Wie soll denn das gehen mit der Wiedererweckung eines Teilstücks vom Palast der Republik? Woher nehmen wir zum Beispiel die Goldrand-Tassen und die Teller mit dem verschnörkelten "PdR", die jahrelang in einem Laden auf dem Kudamm verhökert wurden? Wo liegen die von den schwieligen Händen der Arbeiterklasse so kraftvoll durch die Gegend geschleuderten Bowling-Kugeln? Wo stehen die Telefonkabinen aus dem Foyer, wo man mit einiger Geduld sogar gen Westen telefonieren konnte? Und wo sind eigentlich die 9873 Kugeleffektleuchten, die dem Haus des Volkes Namen "Erichs Lampenladen" gaben?

Nun mal im Ernst: Brauchen wir das eigentlich wirklich? Soll Vera Oelschlegel ihr "TiP", das famose "Theater im Palast" zurück bekommen? Wollen wir wieder eine halbe Stunde anstehen, um dann in eins der gemütlichen Restaurants gebeten zu werden? Wo kommen die Gemälde hin, die uns die Wartezeit in der Palast-Galerie verkürzten? Und wo, bitte, kommen die Volkskammerabgeordneten her, um den Plenarsaal mit seinen ansteigenden Sitzreihen zu füllen?

Alles geht nicht, was da die Schlosskommission laut gedacht hat. Die "inhaltliche Frage" muss ausgeklammert bleiben, soweit versucht wird, das Es-war-doch-nicht-alles-schlecht-Gefühl in die Gegenwart zu transportieren. Aber die Idee, von der Asbestseuche befreite Teile des Hauses Schritt für Schritt sinnvoll zu nutzen, hat etwas ungemein Praktisches. Sie passt in die Zeit der "Events", denen keine "Location" verrückt genug sein kann. Wenn in modernen Bauten (Bundestag, ARD-Hauptstadtstudio, diverse Landesvertretungen) sogenannter "Sichtbeton" der letzte Schrei des Architekten ist - wieso soll dann nicht der weitläufige Volkskammersaal mit seinen derzeit nackten Pfeilern, rostigen Stahlträgern und grauen Rohbauwänden als total hip gelten? Wer den variablen Großen Saal des Hauses kennt, wer hier auf den Sesseln stand, um Carlos Santana zu feiern, wer Milwa zujubelte und mit den Füßen bei Kenny Ball ins jazzen kam - der fragt sich sowieso seit zehn Jahren, ob man denn so eine Spielstätte in der Mitte der Mitte einfach auf den Müll schmeißen darf?! Die ausgeklügelte Technik, die hier das Parkett bis unter die Decke schwenkte und im Handumdrehen aus der Tagungs- eine Ballvariante machte, wäre, wenn sie denn nicht schon auf dem Schrotthaufen gelandet ist, leicht zu reaktivieren.

Und das alles auf Zeit, bis sich etwas Besseres gefunden hat. Der DDR-Mensch hört die Botschaft gern und freut sich schon, mal wieder in "seinen" Palast zurückzukehren, wenngleich die Enttäuschung riesig sein dürfte. Allein - ihm fehlt der Glaube. Viel zu lange und zu oft wurde ihm weis gemacht, dass da am Ende der Asbestsanierung nur noch ein paar Betonstaksen stehen, die wie die Streichhölzer abzubrechen sind, um dem Schloss oder was weiß ich Platz zu machen. Ganz so einfach ist es also nicht. Aber möglich ist alles in einer Stadt, wo sogar unfertige U-Bahn-Tunnel für Empfänge und Konzerte zu Highlights hochstilisiert werden. Warum kann es dann nicht heißen: "Und heute abend gehn wir zum Palast der Bundes-Republik"?
Lothar Heinke

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