Berlin : Wahre Integration: Die Schützenkönigin von Pinneberg ist eine Türkin

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen:

Die Integration von Türken in Deutschland schreitet unaufhaltsam voran. Wer es nicht glauben will, sollte einen Blick in die Hürriyet von Mittwoch werfen. "Die Schützenkönigin", titelte das Blatt auf der ersten Seite ihrer Europabeilage. Möglich ist das geworden, weil die Schützenkönigin von Pinneberg in diesem Jahr eine Türkin ist. Die 22-jährige Frau habe unter den 23 Teilnehmern mit ihrem Gewehr am besten getroffen, wird berichtet. Ziel war das Bild eines Schweineherzens."Dass sie sogar mich übertroffen hat, zeigt, wie begabt sie ist", soll ihr türkischer Ehemann, der bei dem Wettbewerb gleichzeitig "Ritter" geworden ist, gegenüber der Hürriyet gesagt haben. Laut Hürriyet ist er auch Ausbilder im Pinneberger Bürger- und Schützenverein 1873. Allerdings erklärte die Frau des Vereinsvorsitzenden, dass dies nicht stimme, so dass man nun raten muss.

Etwas übertrieben wirkte eine Sportnachricht in der Milliyet vom Donnerstag. "Der Stolz der Deutschen sind die Türken." Fünf der acht Mitglieder der Taekwondo-Nationalmannschaft seien Türken, heißt es in dem Text. Offenbar sind die Sportler eingebürgert. Wie sonst auch bei anderen Themen üblich, waren auf dem Foto nicht das ganze Team, sondern nur die türkischstämmigen Mitglieder der Mannschaft zu sehen.

Ein anderes Thema ist seit geraumer Zeit auch in den türkischen Zeitungen präsent. Pitbull-Angriffe haben auch für diese Blätter einen hohen Nachrichtenwert, wenn auch nicht jede Pitbull-Attacke zum Aufmacher der Europabeilage wird. "Der Schrecken" stand auf der Titelseite zu einem Foto von einem "Mörderhund" - so die türkische Bezeichung für Kampfhunde. Er habe einen vierjährigen türkischen Jungen in Paris am Bauch gepackt und so stark verletzt, dass die Ärzte in einer vierstündigen Operation sogar einen Teil seines Darmes entfernen mussten. Allerdings kam diese Nachricht publizistisch nicht gegen die Absicht des Fotomodels Liz Hurley an, mit dem Rauchen aufzuhören an. Ein Paparazzi-Foto, dass sie mit einem Nuckel im Bild im Mund zeigt, schaffte es sogar auf die Titelseite der Hürriyet an diesem Tag.

Dagegen geisterte eine seltsame Nachricht in der vergangenen Woche nur durch die Europa-Beilage der Hürriyet. Nicht einmal in der Hürriyet in der Türkei tauchte sie auf. Zwei Abgeordnete der rechtsnationalen MHP, die in der Türkei im Moment mitregiert, bereiten angeblich einen Gesetzesentwurf vor, wonach die Ausbürgerung für Europa-Türken erschwert werden solle.

Der Sonnabend gehörte ganz den Deutschen, die aus der Sicht der türkischsprachigen Zeitungen den Türken wohlgesonnen sind. "Danke, Daum" stand sogar auf der Titelseite der Hürriyet zu einem kurzen Text und einem kleinen Foto, das den einstigen Trainer von Besiktas Istanbul und jetzigen von Bayer Leverkusen beim Blick auf die Bosporusbrücke zeigt. Auf der Titelseite der Europa-Beilage konnte man dann im eigentlichen Text lesen, dass er die Türken und die Türkei bei einer Veranstaltung der FDP in Bonn hoch gelobt habe. Der Hürriyet war es einen Aufmacher auf ihrer Beilage wert.

Johannes Raus Berliner Rede, bei der er "den Ausländern die Arme ausgebreitet hat" (Hürriyet), landete dagegen auf einer schmalen Leiste am linken Rand und der eigentliche Text auf der zweiten Seite. In der Milliyet kamen beide, Daum und Rau, auf die Titelseite. Raus Rede wertete die Tageszeitung als "historischen Aufruf". Und Christoph Daum zeige sich als "wahrer Freund".

Bei der Tageszeitung Türkiye wurde Raus Rede sogar zum Aufmacher der Titelseite. "Ohne Angst zusammenleben" zitierte das Blatt ihn in riesengroßen Buchstaben. Daums "Integrations-Lektion" verschwand dagegen irgendwo im Innenteil, wogegen die "taufrische" Generalsekräterin der CDU (Türkiye), Angela Merkel, zum Aufmacher auf der dritten Seite (Europaseite) wurde. Ein Foto zeigte sie beim Händeschütteln mit einem Türkiye-Reporter: "Die Türken sind ein Teil von uns", soll Merkel zu ihm gesagt haben.

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