Berlin : Wahrnehmungen

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Von Elisabeth Binder

Wir halten alles für möglich, nur nicht den Ernstfall. Gestern stürzte sich eine Frau vom Tacheles aus in den Tod. Zuvor hatten Künstler ihre Suizidabsicht aufgezeichnet. Passanten hielten die Tote für eine Performance.

In so einer Megapole gilt als uncool, wer nicht ständig auf alles gefasst ist. Partyluder, die sich in Pudding wälzen, Popstars, die mit bröckelnder Nase ihre Kinder aus dem Fenster hängen, Selbstinszenierungen, Installationen, Aktionen... – je abgedrehter, desto besser. Wer geradeaus denkt, wirkt leicht out.

Extreme sind spannend, natürlich nur, wenn man sie gestalten kann. Ein möglicher Freitod als Stoff, aus dem ein Video ist: Die Sache selbst kommt bei Künstlern, die im Geist der Zeit verwoben sind, womöglich banaler rüber als ihre Verwertbarkeit. Die Einsamkeit, die jemand erlebt, kurz bevor er sich tötet, ist eigentlich unbeschreiblich. Am besten fängt man dieses Gefühl vielleicht mit dem Bild einer Frau ein, die aus dem Leben geschieden ist und nicht mal im Tod als Tote wahrgenommen wird. Versuchte Suizide werden von Psychologen oft als Schrei nach Aufmerksamkeit gewertet. Dass ein Mensch daran auch noch nach dem finalen Schrei scheitern kann, ist eine neue Dimension von Inszenierungsgläubigkeit. Möglicherweise Folge der überhitzten Bilder, mit denen der große Showroom Berlin seine Passanten so heftig bombardiert. Die Eventkultur frisst ihre Kinder. Nicht die Körper, aber die Seelen. Wer sich darüber wundert, sollte sich fragen, was er selbst für möglich hält. Dass es ein Kind war, das am Tacheles Leben und Tod unterscheiden konnte, gibt immerhin Hoffnung. Vielleicht erhält es sich die Gabe, Menschen erkennen zu können. Bevor sie zum Happening werden.

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