Berlin : Waidmannsheil am Müggelsee

Als das Wild noch Volkseigentum war: Wie in der DDR gejagt wurde

Anne-Dore Krohn

Bei „Jagd und DDR“ fällt einem zuerst Erich Honecker ein. Der Staatsratsvorsitzende trieb sich leidenschaftlich gern mit der Flinte herum, ließ ganze Wälder für sich reservieren. Seinen größten Hirsch erlegte er kurz vor dem Mauerfall, ein letzter Triumph jenseits der Staatsgeschäfte.

„Wir Jäger vom Müggelsee“ dagegen berichtet von unbekannten DDR-Jägern ohne Sonderkonditionen: Das Buch nimmt das Jagdwesen in Ost-Berlin zwischen 1949 und 1990 aufs Korn, samt seiner Hunde, Gesetze und Vereine. Ein Spezialthema, das sich nicht gerade dem breiten Publikum aufdrängt. Nicht umsonst ist der Band beim Erfurter Sutton-Verlag erschienen, der „Alltagsgeschichten vor Ort“ einfangen will.

Autor und Jäger Erich Hobusch, Jahrgang 1927, tritt hier als Sammler auf: 250 Bilder, auch aus Privatbesitz, hat er zusammengetragen. Entstanden ist eine Art Familienalbum mit seitenlangen Fotostrecken von Männern mit Jagdmützen, Falken auf dem Arm oder erlegten Wildschweinen zu ihren Füßen. „Weidgerecht jagende Volkspolizeiangehörige“ werden ebenso namentlich vorgestellt wie Falkner und Treiber. Auf den ersten Blick ein Buch für Jäger – doch auch dem Laien kann es mehr sein als ein skurriles Fundstück. Gezeigt wird ein Staat, der das Wild zum „Volkseigentum“ erklärt, aber bei seinen Jägern zwischen Arbeitern, Intelligenz und Parteimitgliedern unterscheidet; in dem selbst der Kauf von acht Doppelflinten strikt nach Plan erfolgt, geregelt durch die Abteilung „Erlaubniswesen“ des Präsidiums der Volkspolizei Berlin. So hat der Autor ein Jagdbuch verfasst, und ganz nebenbei ist dieses zu einem detaillierten Geschichtsbuch geworden.

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Erich Hobusch: Wir Jäger vom Müggelsee. Bilder aus der DDR 1949 bis 1990. Sutton Verlag, Erfurt. 160 Seiten, 250 Fotos, 19,90 Euro.


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