Berlin : Waldbühnen-Konzert: La Ola bringt Dynamik in die Demokratie-Bewegung

Sebastian Schneller

Das Freilicht-Konzert der Philharmoniker beginnt lange vor dem ersten Ton. Schon Tage vor dem Konzert glühen die Telefondrähte heiss: Wer bringt den Rotwein mit, und wer die Bouletten? Denn das Freilicht-Konzert ist vor allem eins: Pflicht-Event für alle, denen Ascot zu teuer und die für "Rock am Nürburgring" zu alt sind. Das Picknick ist genauso wichtig wie das Musik-Programm. Denn was hilft Kent Nagano vorne am Pult, wenn der Flaschenöffner für den Wein fehlt? Von ähnlichen Missgeschicken könnte Karin Beuge vermutlich stundenlang erzählen. Seit achtzehn Jahren pilgert die Krankenschwester aus Friedenau mit ihrer Clique in die Waldbühne. Die erste Reihe ganz unten, wo zwischen Publikum und Bühne nur noch der Rasen liegt, ist seitdem ihr Stammplatz. Er hat seinen Preis: Seit halb drei haben die zwei vor dem Eingang gewartet. Als sich zweieinhalb Stunden später das schwere Tor öffnet, sprinten Karins Sendboten blitzschnell über die Stufen des Amphitheaters herunter, dicht gefolgt von anderen. Im Handumdrehen sind die besten Plätze belegt. Genauso begehrt wie die erste Reihe, sind die Plätze gleich am Mittelgang. Hinter der Einfassungsmauer sitzt man wie in einer Loge.

Und in Windeseile verwandelt sich das Mäuerchen in einen gedeckten Tisch: Laken werden ausgebreitet, Kerzenleuchter aufgestellt, und die Tupperschüsseln ausgepackt. Nudelsalat gegen marinierte Hähnchenbrust: kein schlechter Tausch. Und wenn man Glück hat, bekommt man den Einzug der VIPs als Schauspiel gratis dazu geliefert: Konzertveranstalter Peter Schwenkow hat die Mitte für die geladenen Gäste reservieren lassen.

Jörg Schönbohm ist darunter, SFB-Intendant Horst Schättle, Tagesthemen-Moderator Ulrich Deppendorf und Landesbischof Wolfgang Huber. Wer hier sitzt, bekommt den Picknickkorb geliefert: Shrimps, Trauben, Lachs in Plastik, den klassischen Käsespieß und eine Flasche Tafelwein beinhaltet das Basismodell. Als die Philharmoniker die Bühne betreten, offenbart sich der demokratische Charakter des Abends, denn was gibt es egalitäreres als eine La-Ola-Welle. Drei Mal macht sie die Runde, und als die Musiker mit einem Ruck aufstehen, brandet der Applaus zum ersten Mal auf.

Auch das Rest-Programm findet freundliche Aufnahme. Susan Grahams Gershwin-Medley klingt zwar kaum bis in die höchsten Höhen des Waldbühnen-Runds, aber dafür bauscht sich ihr lila Kleid so schön im Abendwind. Die ersten Kerzen werden bei "The Man I Love" entzündet. Kurz vor Schluss und Höhepunkt eines jeden Waldbühnenkonzerts erhebt die Klassengesellschaft noch einmal ihr Haupt: Ein Dutzend in schneeweiße Decken eingewickelte Schatten huscht von den VIP-Bänken Richtung Ausgang.

Dabei kommt doch jetzt erst der Höhepunkt: Die Philharmoniker geben die "Berliner Luft" und das Publikum darf Solo spielen, mit Trillerpfeife - das Gruppen-Feeling ist perfekt.

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