Berlin : „Waldjunge Ray“ ist Robin, der Holländer

Die Identität des 20-Jährigen wurde zweifelsfrei festgestellt. Die Geschichten von seinen jahrelangen Streifzügen und dem Tod des Vaters waren erlogen.

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Lange Zeit war er nur als der „Waldjunge Ray“ bekannt, nun ist seine Identität geklärt. Wie die Polizei bestätigte, handelt es sich bei dem jungen Mann, der vor neun Monaten in Berlin auftauchte, um Robin v. H., einen Niederländer aus der Stadt Hengelo. Hinweise aus der Bevölkerung und die internationale Zusammenarbeit mit den niederländischen Ermittlungsbehörden führten zur Aufklärung des mysteriösen Falls. Eine Freundin erkannte den 20-Jährigen, als sein Bild im niederländischen Fernsehen gezeigt wurde. Auch seine Stiefmutter identifizierte ihn zweifelsfrei. Dem jungen Mann wurden am Freitagmorgen die Ermittlungsergebnisse mitgeteilt und er rückte daraufhin mit der Wahrheit raus.

„Er hat seine wahre Identität sofort zugegeben“, sagte der für das Jugendamt Tempelhof-Schöneberg zuständige Stadtrat Oliver Schworck (SPD). Auch wurde klar, dass die Geschichte von seinen jahrelangen Streifzügen durch den Wald „von vorne bis hinten gelogen ist“. Schon eine ganze Weile lang zweifelten Polizei und Jugendamt an den etwas zu abenteuerlich anmutenden Aussagen des jungen Mannes – zu vieles passte nicht zusammen. „Er war nicht unterernährt, sein Gesundheitszustand war gut, seine Zähne waren gepflegt“, sagte eine Polizeisprecherin. Beweise für Falschangaben hatten die Ermittler nicht.

Der Junge, der sich „Ray“ nannte, hatte berichtet, fünf Jahre lang zusammen mit seinem Vater meist nach Kompass und Karte gewandert zu sein und in Höhlen und Zelten geschlafen zu haben. Nachdem der Vater tödlich gestürzt sei, habe er ihn in einer Grube unter Steinen beerdigt. Das Grab aber konnte er weder benennen noch zeigen. Der Junge zog, so berichtete er es, alleine weiter, bis er schließlich Berlin erreichte und plötzlich vor dem Roten Rathaus stand. Nur an sein Geburtsdatum und seinen Vornamen könne er sich erinnern, sagte der gegenüber den Behörden Englisch sprechende „Ray“ damals.

Diese standen vor einem Rätsel. Zudem hatte der Junge sich anfangs geweigert, ein Foto von sich zur Identifizierung machen zu lassen. Das Jugendamt aber drängte darauf. Und tatsächlich: Nachdem sich die Beamten am Dienstag mit Fotos an die Öffentlichkeit gewandt hatten, ging es mit dem Fall überhaupt vorwärts. 63 Hinweise gab es seither – die entscheidenden kamen aus Holland. Ein Foto mit einer Halskette, auf dem sein Name zu erkennen sei, habe den „endgültigen Beweis“ geliefert, heißt es von der niederländischen Polizei.

Nun wundern sich viele, warum nicht intensiver nach dem Verschwundenen geforscht wurde. Schließlich war der holländischen Polizei bekannt, dass der damals 19-Jährige am 2. September zusammen mit einem Freund Richtung Berlin aufgebrochen war. Das Internetportal „nieuwsUit.com“ meldet, dass Robin v. H. bei der Fernsehsendung „TROS Vermist“ des Senders TROS auf der Vermisstenliste stand und die Familie nach ihm gesucht habe. Da er zu diesem Zeitpunkt bereits erwachsen war und damit seinen Aufenthaltsort selbst bestimmen konnte und da auch keine Hinweise auf eine Straftat oder eine Gefährdung vorlagen, wurde nicht weiter gesucht. Zwar wurden über die europäische Polizeibehörde Interpol Fotos versandt und DNA-Proben abgeglichen, dennoch fand man zunächst nicht zueinander. Das mag daran gelegen haben, dass die Berliner einen vermissten Jugendlichen suchten, während die niederländischen Behörden einen vermissten Erwachsenen in den Akten führten. Ein Abgleich mit Fotos in den Listen vermisster Erwachsener fand bei der internationalen Suche nicht statt. Ohnehin spielt das Alter in dem Fall eine entscheidende Rolle. Da der Junge in Berlin angegeben hatte, 17 Jahre alt zu sein, durfte nach seiner Identität gesucht werden. Er erhielt auch umfangreiche soziale Unterstützung. Der junge Mann war in einer betreuten Wohngemeinschaft untergebracht, bekam Unterricht und wurde auf Staatskosten eingekleidet und verpflegt. Auch ein Vormund wurde für den vermeintlich Minderjährigen bestellt. Noch lebt der junge Mann zwar in der Wohngemeinschaft, aber „unsere Hilfe werden wir nun schnellstmöglich beenden“, sagte Stadtrat Schworck. Außerdem wolle man Anfang nächster Woche Strafanzeige stellen. „Der junge Mann hat Jugendhilfeleistungen finanziert bekommen, auf die er keinen Anspruch hat.“

Während seiner Berliner Zeit verhielt sich Robin v. H. laut Jugendstadtrat „sehr umgänglich“. Er habe keine Probleme mit Mitbewohnern gehabt und keine Drogen genommen. Außerdem lernte er schnell Deutsch und fand sich laut Polizei gut in der Stadt zurecht. Erstaunt waren die Ermittler auch darüber, wie gut ein angeblicher Einsiedler mit Computern umgehen konnte. Robin v. H. war bei mehreren Internet-Spielen angemeldet, dort aber jahrelang nicht mehr aktiv. Als besonders auffällig galt er nicht.

Ein Gutachter stellte ebenfalls fest, dass Robin v. H. „klar denkend“ handelte. Warum aber floh er? Und wieso tischte er allen darüber hinaus diese abenteuerliche Geschichte auf? Der junge Mann selbst möchte sich nicht äußern. Ein ehemaliger Mitbewohner, der ihn zweifelsfrei identifizierte, hat seine eigene Theorie: „Er hatte persönliche Probleme, und das war seine eigene Art gewesen, um ein neues Leben zu beginnen.“ Doch das neue Leben kann für Robin v. H. teuer beginnen. Denn auch die Berliner Polizei denkt über Konsequenzen. nach. „Wir prüfen, ob der Tatbestand des Betrugs vorliegt“, heißt es. Immerhin habe der Junge die Ermittler monatelang an der Nase herumgeführt.

Rolf Brockschmidt, Jörn Hasselmann, Katrin Schulze

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