Waldkindergärten : Mit Feuerkäfern statt mit Autos spielen

Zehn Waldkindergärten gibt es in Berlin - Tendenz steigend. Die meiste Zeit des Tages verbringen die Gruppen in der Natur.

Franziska Böhl
waldkindergarten
Treffpunkt Decke. Auf der Lichtung gibt es erst einmal Frühstück und Tee für den Nachwuchs vom Wannseer "Waldkindergarten am...Foto: Thilo Rückeis

Konstantin ist Pirat. Da gehört das Gewehr eben dazu. Dass es nur ein dünner Ast ist und als Hut auf seinem Kopf ein flaches Baumstück herhalten muss, ändert nichts daran. Zusammen mit fünf anderen Kindern und den Erzieherinnen, Maren Oster und Anne Makowsky, macht sich der Dreieinhalbjährige gegen neun Uhr auf den Weg in den Wald. Der Ausflug gehört für die Kinder vom Wannseer „Waldkindergarten am Löwen“ dazu – egal ob bei Regen oder Minusgraden. „Solange es den Kindern Spaß macht, gehen wir raus“, sagt Maren Oster, während die Kinder auf einem holprigen Weg um sie herumwuseln.

Der Waldkindergarten von Heckeshorn wurde im vergangenen Sommer eröffnet. Er ist einer von zehn in Berlin. Bundesweit gibt es bereits über 300 Waldkindergärten – Tendenz stark steigend. Der Vormittag im Wald hat für die „Löwen“ feste Rituale. Zuerst gibt es den „Morgenkreis“, wo sich alle auf Äste am Boden setzen und etwas erzählen. Der vierjährige Nikolai beschreibt etwas, das wie ein Schulbasar klingt. Konstantin erklärt, wieso er Holz sammelt. „Wir wollen am Montag zu Hause grillen“, sagt der Pirat.

Sind die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht, geht es weiter über Stock und Stein, bis sie bei ihrem Spielplatz „Ritterburg“ – eine der drei Anlaufstellen im Waldgebiet – Quartier machen. Dort können die Kinder nach einem Frühstück beim Herumtoben so viel Krach machen wie sie wollen. Doch auch die anderen Vorteile liegen auf der Hand: Die tägliche Bewegung an der frischen Luft verbessert nicht nur die motorischen Fähigkeiten, sondern stimuliert auch die anderen Sinne der Kinder. Was sich laut wissenschaftlichen Untersuchungen wiederum positiv auf die Entwicklung des Gehirns, die Lese-, Rechtschreib- und Rechenfähigkeit der Kinder auswirkt.

Bei den Entdeckungstouren im Wald ist immer ein Bollerwagen mit einem Erste-Hilfe-Kasten dabei, Wasser zum Händewaschen, eine Regenplane, eine Decke, Schaufeln, Bälle und natürlich ein Handy. Für den Notfall. Völlig alleine ist die kleine Gruppe schließlich nicht. „Wir haben hier auch schon Wildschweine gesehen“, sagt Makowsky. Gleich heute früh huschte ein Fuchs in Sichtweite vorbei. Angst scheinen die Kinder nicht zu kennen, voller Neugierde erforschen sie den Wald und seine Bewohner. Die zweieinhalbjährige Marit kann heute ihren Blick kaum von einer Stelle mit grünem Moos abwenden, während die anderen Jungs lieber in der Erde graben. „Wir buddeln ein Loch und dann können wir ans andere Ende der Erde sehen“, sagt der fünfjährige Markus. Deshalb seien sie heute alle hier als Kranfahrer im Einsatz. Logisch. Später setzen sich dann drei der Kinder mit den Erzieherinnen auf eine Decke, um auf der Lichtung Lieder zu singen. Zwischendurch gibt es eine Teezeit und die Erzieherinnen erzählen etwas über das Leben des Spechts. Hier im Wald gehört es dazu, etwas über den respektvollen Umgang mit der Natur zu lernen. Offenbar mit Erfolg: Als sich die Truppe mittags wieder auf den Rückweg macht, ruft Nikolai seine Freunde herbei und zeigt auf den Boden: „Da sind Feuerkäfer und kleine Spinnen!“ Nur ein paar Meter weiter entdeckt Konstantin, der kleine Pirat, noch etwas: Ein Stück Papier am Boden. Konstantin hebt es auf. Der Wald soll sauber bleiben.

Im Waldkindergarten am Löwen sind noch Plätze frei. Informationen unter www.berliner-waldkindergarten.de oder telefonisch unter 9225 2215 oder 0170 319 19 67. Der Bundesverband hat die Website www.bundesverband-waldkinder.de.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben