Berlin : Waldo Damerius (geb. 1913)

Alles vergeht und anderes kommt: für Floristen keine Tragödie.

Anne Jelena Schulte

Er wurde hineingeboren in Blumenduft und Blütenblätter. Schließlich war sein Vater kein geringerer als der Blumenbindermeister Willi Damerius. Damerius‘ Blüten umrankten Hochzeiten von Prinzen und Prinzessinnen, lockten in die feinsten Hotels, umflorten Hindenburgs Beerdigung. Aus solch einer Blüte konnte niemand anderes hervorgehen als Waldo, das schönste Kind aus dem Wedding. So jedenfalls bezeichnete ihn seine Mutter. Fotos legen nahe, dass sie mit dieser Behauptung recht hatte.

Das Geschäft der Eltern lag am Leopoldplatz, wenige Schritte von der Wohnung entfernt. Obwohl mitten in der Stadt geboren, verbrachte Waldo seine Kindheit in einer duftenden Pflanzenwelt, zunächst unter dem Bindetisch, später dann eigene Kränze windend und mit den Kunden plaudernd.

Die Menschen begegneten ihm freundlich, denn ein Damerius wurde stets mit dem friedlichsten aller Lebewesen in Verbindung gebracht: der Pflanze. Waldo hielt diesen Erwartungen stand. Er war ein Harmonie suchender Mensch, der mit still vergnügtem Blick die Welt betrachtete. Die gefiel ihm so gut, dass er als junger Mann mehr von ihr kennenlernen wollte. Schon seine Mutter war als Gesellschaftsdame einer amerikanischen Familie auf Reisen gewesen und bestärkte ihn in seinem Wunsch.

Waldo, inzwischen Blumenbinder wie sein Vater, heuerte als Florist auf großen Kreuzfahrtdampfern an. Er schmückte die Tische und Feste der Passagiere, legte kleine Schiffsgärten an, verkaufte Sträuße für die Verliebten. Sechs Jahre kreuzte er zwischen den Blumenmärkten von New York, Istanbul, Japan, Skandinavien, Ägypten und Südamerika umher. Ihm gefiel die wechselnde Flora der Kontinente wie auch das Leben auf dem offenen Meer.

Die Zeit aber verlangte Patriotismus und zwang ihn 1939, eine Mittelmeerfahrt abzubrechen. Seine Mutter zog die Brauen zusammen, als ihr einziges Kind sich für ein Erinnerungsfoto in Soldatenuniform neben ihr postierte.

Ein wenig getröstet war sie, als sie erfuhr, dass Waldo nicht an vorderster Front, sondern als Botenreiter und bei längerer Rast als Gärtner eingesetzt wurde. 1942 schrieb er: „Als Obstgärtner brauche ich zur Zeit nicht hinauf zum Bunker, mache nur Gartenarbeit. Hin und wieder helfe ich Munition tragen, da mein Garten in der Nähe der Feuerstellung liegt. Die Kanassiere stehen schon zwei Tage fast ununterbrochen an den Geschützen, gehen doch an einem Tag und in einer Nacht mehr Geschosse durchs Rohr als in Frankreich und Polen zusammen. Morgen werde ich im Wald Frühlingsblumen holen, darunter die jetzt schön blühenden Himmelsschlüsselchen, um sie auf ein frisches Grab zu pflanzen.“

Die Mutter antwortete ihm mit Paketen voll Kuchen und Schokolade. Auch Annelies schrieb ihm. Annelies aus Leipzig, die er während seiner Wanderjahre als Blumenbindergeselle kennengelernt hatte. Annelies war von ebenso vollblütiger Abstammung wie er, denn Blumen-Hanisch, Leipzig war eine der erfolgreichsten Blumenbindereien des Landes. Als er sie kennengelernt hatte, konnte er sich noch nicht entscheiden, lagen doch die Häfen der Welt noch unerkundet vor ihm. Doch auch die großen Ozeane ließen ihn Annelies nicht vergessen. Und als er hörte, dass der Mann, den sie während seiner Reisen geheiratet hatte, im Krieg gefallen war, nahm er wieder Kontakt zu ihr auf.

Das Glück und die Aussicht auf eine rosige Zukunft mit Annelies ließen Waldo den Russlandfeldzug und die Kriegsgefangenschaft überstehen. Was der Krieg in ihm angerichtet hatte, weiß niemand. Aber man weiß von Lotte. So hießen all seine Pferde, die ihn durch diese Zeit getragen hatten, Lotte hieß Kraft und Wärme und Trost. „Erst das Tier und dann der Mann“, war ein Spruch, den er mitnahm in die Friedenszeit und in die Erziehung seiner fünf Kinder, die er mit Annelies bekam.

„Klagt nicht über die Arbeit, sondern denkt an die Freude, die eure Sträuße bereiten werden.“ Mit dieser Moral und Annelies’ geschickten Händen brachte Waldo die Pflanzeninsel am Leopoldplatz, die im Krieg dahingewelkt war, wieder zum Blühen.

1970 starb Annelies. Wenige Jahre später gab Waldo das Geschäft in die Hände seines ältesten Sohnes und ging wieder auf Reisen. Nicht über die Weltmeere zog er jetzt, sondern durch Berge und Täler. Dort beobachtete er die Veränderungen der Vegetation und der Gesteine, klopfte nach Fossilien, entdeckte immer neue Schichten hinter den Schichten, Epochen hinter den Epochen.

Dass alles vergeht und anderes kommt, war für den Floristen längst keine Tragödie mehr. Er nickte verständnisvoll, als seine Nachkommen das traditionsreiche Geschäft an den Potsdamer Platz verlegten und klagte nicht, als er von seiner Krebserkrankung erfuhr. Sieben Jahre hatte er Zeit, Abschied zu nehmen. Sieben Jahre, in denen er seine Naturstudien fortsetzte, seine Frauenfreundschaften pflegte, im Geschäft mithalf und des Öfteren belauscht wurde, wie er leise in sich hineinlachte.

„Du hast ja ein langes Leben gehabt“, sagte seine Schwiegertochter, als er auf dem Sterbebett lag. „Man kann die Dimensionen nicht erklären, wenn man Erdaufbrüche gesehen hat“, antwortete er. Anne Jelena Schulte

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