Waldschäden : Eichen sind kranke Helden

Eichen machen Naturfreunden Kummer. Weil sie kränkeln – und als ganz besondere Art gebraucht werden.

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Eiche
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Berlin - Der frühere Waldschadensbericht heißt zwar jetzt Waldzustandsbericht, aber nicht alle Bäume wissen das. Speziell die Eichen kränkeln, wie die gerade erschienene 2009er-Bilanz für Berlin zeigt: 73 Prozent haben deutliche Schäden, nur jedes 50. Exemplar ist intakt. In Brandenburg ist die Lage kaum besser; Agrarministerin Jutta Lieske nennt die Eiche „das Sorgenkind“, die Berliner Staatssekretärin Maria Krautzberger teilt mit: Berlin stehe weiterhin zur Eiche. Die Frage ist nur, ob auch die Eiche weiter zu Berlin steht. Doch warum wird gerade diesem Baum solche verbale Fürsorge zuteil?

Schon eine kurze Gedächtnisübung fördert einiges zutage: Die S-Bahn hält in Eichkamp und Eichwalde, der 369er Bus in Gosen, Eiche. Kaufpark Eiche, Unter den Eichen, Joseph von Eichendorff. Friedenseichen halten märkische Dörfer zusammen, Eichenlaub schmückt Eurocent und Revanchistenbrust. Kiefernzweige nimmt man, damit im Winter die Rosen nicht erfrieren, Tannen kommen aus dänischen Weihnachtsbaumplantagen, Birken krümeln fast ganzjährig.

Kiefer ist Ikea. Aus Eichenholz aber wurden Möbel für Könige gefertigt, Schiffe für den Ozean, die Fundamente für Venedig und den Berliner Dom. Unverwüstliches Parkett, Fässer für edlen Wein. Dazu Korken aus der Borke, Arznei und Kaffee-Ersatz aus den Eicheln. Germanische Stämme hielten unter Eichen Gericht, Druiden zelebrierten ihre Heilsitzungen. Und die Charakterbäume bei Caspar David Friedrich sind zwar meist tot – aber ebenfalls Eichen.

Elmar Kilz leitet das Forstamt Grunewald. Er weiß, warum die Eiche der Mercedes unter den Bäumen ist: Allein schon, weil sie nicht in Massen herumsteht und alles Wasser aus dem Sandboden säuft – wie die Kiefer. Bis zum April lebt die Eiche von Luft allein und lässt das Wasser versickern, so dass davon andere Pflanzen leben oder es eines Tages via Wasserwerk bei uns aus dem Hahn kommen kann.

Weil Eichen Einzelgänger sind, befällt ein Schädling nicht den ganzen Wald, sondern zunächst nur den Baum. „Letztes Jahr hat ja alles an ihr herumgefressen, was Beine hat oder nach Pilz aussieht“, sagt Kilz. „Aber das überlebt sie, und zwar seit Millionen von Jahren.“ Fatal sei nur strenger Frost im Frühjahr wie 1989. Davon hätten sich die Eichen erst 2003 wieder erholt. Dann kam der Jahrhundertsommer und warf sie wieder zurück. Die Kronen wurden licht, die Triebe schlapp.

Aber die meisten Eichen leben noch und halten sich tapfer, trotz aller Feinde. Hunde zum Beispiel: 60 Tonnen Kot und 500 Kubikmeter Urin, lautet Kilz’ Jahresbilanz fürs Auslaufgebiet Grunewald: „Mit dem, was die Hunde an die Bäume pinkeln, könnten sie ein großes Haus unter Wasser setzen.“ Und dann buddeln sie auch noch an den Seeufern, bis die Bäume ins Wasser fallen – die meisten jedenfalls. „Wenn Hunde eine Eichenwurzel ausbuddeln, hat die glücklicherweise noch 300 andere.“ Wenn nicht, fällt sie in den Hundekehlesee, wie vor wenigen Tagen geschehen. Für ein Geländer, das geordnete Verhältnisse schaffen könnte, sei kein Geld da, sagt Kilz: „Die Berliner Förster kriegen pro Jahr von jedem Berliner den Gegenwert einer Kinokarte. Wären es zwei Kinokarten, würden wir im Geld schwimmen.“ Dann gäbe es Geländer links und rechts und dazu hübsch beschilderte „Grüne Wege“, wie sie der Senat plant, aber kaum bezahlen kann.

Kilz hat noch andere Rechenbeispiele: Für weniger als ein Promille des Landeshaushaltes verwalten die Forsten 20 Prozent des Stadtgebietes. Und: Während in Berliner Straßen und Parks rund 500 000 Bäume stehen, „habe ich allein hier im Grunewald 30 Millionen“.

Individuelle Betreuung ist also schwierig. Aber besonders schöne Eichen werden möglichst freigehalten. Die ältesten Exemplare im Grunewald sind um die 300 Jahre, im Tegeler Forst gibt es noch ältere und in der Schweiz sogar 1500-jährige. Eichen wachsen von Kanada bis Kalifornien und von Südschweden bis Sizilien. In Berlin machen sie etwa ein Fünftel der Waldbestände aus. Vielleicht das entscheidende Fünftel, erklärt Kilz: Durch ihren mäßigen Durst dämpfen sie das Sommerklima; ohne den Wald „wäre Berlin im Sommer wie Rom, also nicht auszuhalten“. Deshalb würde Kilz die Förderprioritäten verschieben – weg von der Hinterhofbegrünung, hin zum Wald mit Eichen.

Die sind einst ihrer eigenen Qualität zum Opfer gefallen: Ihr langfasriges Holz wurde zu den Schwellen der ersten Eisenbahnschienen, war sogar gut genug für die Schienen der Pferdebahn. Zugleich fraßen die Schweine der Bauern im Wald die Eicheln weg und schufen ein Nachwuchsproblem. So wurde der Weg frei für die Invasion der Kiefern. Die sind zwar immer noch besser als ein Acker. Aber für Stadtmenschen, denen finanzielle Dinge näher sind als forstwirtschaftliche, erzählt der Forstamtsleiter: Bei der Holzauktion vor zehn Tagen gab es für den Festmeter Kiefer 120 Euro. Die teuersten Eichenstücke erzielten bis zu 800 Euro. „Eiche hängt alle ab“, meldete die Ostprignitzer Lokalzeitung. Elmar Kilz, Förster und Mensch, sagt: „Ich liebe diese Baumart.“

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