Berlin : Walter Kosak (Geb. 1930)

5000 Mark für ein paar Striche

Thomas Loy

Die Mutter verblutete im Kindbett. Ihr Bild hing bei Walter im Schlafzimmer, bis zuletzt, an einer dunkelroten Wand.

Nach der Geburt musste Walter zum Arzt. Er war von eitrigen Furunkeln übersät. Der Arzt sagte, wenn er das überlebe, dann könne ihm nichts mehr passieren. So schwer fing alles an. Mit der Zeit wurde es dann immer leichter.

In den Jahren der DDR, seinen besten, hat Walter Lichtmarken ins düstere Wolkengrau gesetzt. Das „Orwo“-Logo war von ihm, auch der strahlende Schriftzug „Hauptbahnhof“. An der „Charité“ auf dem Bettenhochhaus soll er mitgefeilt haben. Er malte die Buchstaben erst im Kopf, dann auf Papier, schließlich formte er sie in Originalgröße mit Pappkarton. Wegen der Opulenz seiner Himmelswörter lieh er sich an der Schule seiner Tochter die Turnhalle aus, über Nacht.

Die große Uhr am Hauptbahnhof, der jetzt wieder Ostbahnhof heißt, dieses minimalistische Etwas, zusammengesetzt aus zwölf kurzen, einem längeren und einem langen Balken, dafür bekam Walter Kosak 5000 Mark. Er erzählte es wie eine Kabarettnummer: 5000 Mark für ein paar Striche. Ein Schildbürgerstreich, den nur er, Kosak, als solchen enttarnen durfte. Das gefiel ihm. Natürlich war die Bahnhofsuhr harte Arbeit, Ausdruck des modernen Zeitgeistes und eine gelungene Reduktion aufs Wesentliche. So zu reden, der Künstler erklärt seine Kunst, war ihm zuwider.

Fürsprache in eigener Sache hatte er gar nicht nötig. Gebrauchsgrafiker Kosak war ja gut im Geschäft, hatte mehr Aufträge als es seiner Gesundheit zuträglich war. Bei der Arbeit musste er ständig rauchen, um die Konzentration zu halten. Wenn nachmittags ein Anruf kam von der Leipziger Messe, der Handelsminister aus Vietnam habe sich überraschend angemeldet, man brauche da noch ein schönes rotes Grußbotschaftstransparent, ließ Kosak alles stehen und liegen, verlangte doppeltes Honorar und schloss sich in eine Turnhalle ein.

Sein Selbstbewusstsein war an den Marktwert seines Namens gekoppelt.

Das bezeugt auch ein großformatiges Fotoporträt aus dem Jahr 1994, an den Rändern eingerissen. Es gehörte zu einer Ausstellung im Berliner Verlag. Kosaks Gesicht erzählt von einem zufriedenen, genussreichen Leben, nur die Lippen sind zu einer strengen Linie gepresst. Er trägt einen Nadelstreifenanzug, weißes Hemd und Krawatte, die Hände halten ein Plakat, eher eine Anklageschrift: „Die Wessis haben aus mir eine Null gemacht.“

Mit dem Ende der DDR ist für Kosak die wirtschaftliche Basis vernichtet. Er hangelt sich durch, ist schwer gekränkt, aber nicht verbittert. Gegen das Grübeln helfen die Witze, die er immer noch gerne erzählt, mit szenischen Dialogen, meistens aus der Rubrik Fortpflanzungsorgane. Mit seinen Witzen hatte er schon früher die Kombinatsdirektoren erheitert. Die vielen Aufträge habe er eigentlich nur deshalb bekommen, behauptete er. Mit dem unerschöpflichen Arsenal kleiner Ferkeleien ließen sich auch unangenehme Fragen parieren, etwa die nach seiner Parteimitgliedschaft. Die fehlte nämlich.

Walter Kosak wollte ein schönes, sorgenfreies Leben mit hoher Liquidität. Dazu brauchte er die SED nicht. Marx und den ganzen Sozialismus eigentlich auch nicht. Aber weil er nun mal in Dessau groß geworden war, passte er sich den dort üblichen Verhaltensregeln an. Sein Talent zu zeichnen, flink aus der Hand und doch präzise, öffnete ihm viele Türen, und Walter Kosak ging einfach hindurch.

Von den Diskussionen um die neue Kunst, den sozialistischen Realismus, blieb er unberührt. Er wollte sich nicht auf einen Stil festlegen, er beherrschte viele Genres, malte mal in Öl, Landschaften oder Schiffe, machte Kohlezeichnungen, kolorierte oder beließ es bei den Graustufen. Nur die Abstrakten von der Burg Giebichenstein in Halle sagten ihm nicht zu.

Er tat dann einfach das, was sein Professor an der Kunsthochschule Weißensee ihm nahelegte. Schriften brauche das Land für Urkunden, Plakate und Transparente. Bin ich eben Schriftgrafiker, dachte sich Walter. Das war auch von Vorteil wegen der vielen jungen Frauen im Studiengang Modedesign. Die brauchten immer neue Ausstellungsplakate und Kataloge, und Walter lieferte pünktlich, war charmant und sah ja auch gut aus. Er wurde eingeladen zu den Partys der „Modetanten“, sagt seine Ehefrau, die erste von dreien. Während Walter sich austobte, saß Eva mit der kleinen Tochter zu Hause in der klammen Wohnung, die sie „Rattenburg“ nannten. Irgendwann lief Eva weg. Walter versprach ihr auf Knien, dass er etwas unternehmen werde.

Es traf sich gut, dass damals ein Herr Henselmann, Architekt der Stalinallee, auf der Suche nach einem Bauzeichner war. Und Walter spannte auch gleich Eva mit ein. Henselmann kam in die Rattenburg und war schockiert. In so einer Buchte könne eine aufstrebende Familie nicht den Fortschritt gestalten. Und bald öffnete sich das Vitamin-B-Paradies: Vier Zimmer im Neubau, Alexanderstraße, da, wo die kulturschaffende Prominenz logierte, Fahrstuhl, Müllschlucker, Fernheizung, Warmwasser.

Jetzt wird alles gut, denkt Eva vorm Einschlafen. Walter arbeitet. Die Partys gehen weiter. Wenn Walter es nicht mehr nach Hause schafft, legt er sich unterwegs schlafen. Oder die Polizei liefert ihn als „hilflose Person“ an der Haustür ab. Gearbeitet wird nachts, möglichst bei laufendem Fernseher. Die Zigaretten legt er auf die neuen Möbel, weil der Ascher nie steht, wo man ihn braucht. Am Gasherd brennt immer eine Flamme zum Anzünden. Vier Schachteln sind die Tagesnorm.

Er kauft ein schnelles Auto, trägt gute Anzüge, fragt nie nach dem Preis. Er ist Aspirant auf die Assistenzstelle an der Kunsthochschule. Doch das Unbekümmerte kippt ins Unzuverlässige überall dort, wo Walter keinen Gegendruck verspürt. Die Studenten sollen doch warten, bis die Schachpartie vorbei ist, die er in der Kantine angefangen hat. Walter überzieht. Er fliegt von der Hochschule.

Mit der Ehe nimmt es ein ähnliches Ende. Evas Trost ist, dass die Neue es auch nicht lange mit Walter aushält. Drei Jahre werden es. Es kommt noch zu einer dritten Trauung, aber Walter muss weiterhin häufig auf Dienstreisen. Sein Vorbild ist der Seemann, der in jedem Hafen eine Braut hat.

Ein Filou, ein Schlendrian ist er. Kindskopf nennen ihn einige. Spielernatur. Seine Kippen schnippt er jetzt auf den Schrank, aber nur, wenn jemand zu guckt. Wo er arbeitet, zerfällt die sinnvolle Ordnung der Dinge. Geröllmatten aus leeren Flaschen, Pappbechern, Klamotten und Papieren. Rein und klar sind nur die Buchstaben, die er malt, gestochen scharf bis zum winzigen „DDR“ auf einer Märchen-Briefmarkenserie.

Walter arbeitet. Er kann gar nicht anders. Als er kurz vor dem Nervenzusammenbruch steht, verordnet ihm sein Arzt, den Garten umzugraben. 800 Quadratmeter. Wieder ein Auftrag. Walter macht sich gleich an die Arbeit. Nach sechs Wochen ist der Acker fertig zur Einsaat.

Den großen Batzen Lebenszeit, angefüllt mit grauer Alltagsroutine, erträgt Walter nur mit gezielten Tollheiten. So vermeidet er auch das Älterwerden. Einkaufen geht er, wenn er denn mal geht, mit Tochter und ein bisschen Kleingeld. An der Kasse kramt er die Münzen heraus, lauert auf das mitleidig-entsetzte Grinsen der Verkäuferin und sagt: „Ich hol’ nur rasch das Geld und lasse ihnen meine Tochter da.“ Die Tochter, zum Pfandstück erniedrigt, fängt fast zu weinen an.

Kauft er einen Rasierapparat, nimmt er die Klingen gratis mit. An der Kasse verschwinden Zigarettenschachteln in Manteltaschen und gleiten durch ein Loch ins Futter. Wenn er wieder mal vergessen hat, einen Weihnachtsbaum zu besorgen, geht er in den Wald und schlägt einen.

Doch die Kräfte lassen nach. Ohne Beklemmung wechselt Walter in die Seniorenanlage, „zu den Alzheimer-Damen“. Da gibt’s viel zu lachen. Eine schreit um Hilfe, mitten am Tag. Walter steigt kurzentschlossen über den Balkon in ihre Wohnung und hievt sie in den Sessel zurück. „Vielen Dank, junger Mann, suchen Sie sich doch ein Paar Schuhe aus.“ Wieder eine neue Ulknummer fürs Repertoire.

Walter fährt immer noch Rennrad, heimlich im Park, damit ihn keiner bei der Pflegekasse verpfeift. Nebenher benutzt er den Rollator, setzt sich rücklings drauf und stößt sich mit den Füßen ab.

„Wenn Schluss ist, möchte ich einfach tot umfallen“, hat er immer gesagt. „Und ihr feiert eine schöne Party.“

Walter stieg aus dem Bus und fiel tot um. Die Trauerfeier wird eine große Sause werden, mit Lampions, Feuerwerk und Walters Lieblingssongs von Django Reinhardt, einem der besten und unzuverlässigsten Musiker der Jazz-Geschichte. Thomas Loy

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