Berlin : Waltraud Amlow (Geb. 1936)

Lufthansa und Singapur Airlines ließen bei ihr plätten

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Man kann sagen, Waltraud Amlow hat das Berliner Wäschereiwesen geprägt. Das belegen viele Zeitungsartikel und Fotos. 1987 lief Waltraud in Schürze und Haube zur 750-Jahrfeier Berlins über den Alexanderplatz, 1992 wurde die Ausstellung „Omas Waschküche“ im Panoptikum am Ku’damm eröffnet, und Waltraud lachte sich mit vollem Wäschekorb vor der Kittelschürze in die Herzen der Berliner.

Immer wieder erzählte sie vom ehrbaren Handwerk des Wäschewaschens früher und heute, wobei das Heute immer etwas schlechter wegkam wegen der wachsenden Billigkonkurrenz. Waltraud war studierte Textilingenieurin, wurde in der Betriebsakademie von Rewatex, dem Ost-Berliner Kombinat für saubere Wäsche, zur Wäschereifacharbeiterin fortgebildet und machte später noch ihren Meister. Sie leitete die Rewatex-Waschhäuser im Bezirk Lichtenberg.

Waltraud war ehrgeizig, haderte mit sich, wenn ein Fehler auftauchte oder ein Fleck, konnte im nächsten Moment aber schon wieder losprusten, wenn eine Kollegin was Albernes gesagt hatte. Man war ja viel zusammen in der Brigade, ging gemeinsam ins Theater und machte Ausflüge. Ein aufreibendes Leben, denn da war ja noch die Familie.

Waltraud fühlte sich aufgehoben in der DDR, war SED-Mitglied und hatte sogar ein Auto zur Verfügung. Doch als die Betriebsleitung sie ins Frauengefängnis Grünau schickte, damit sie dort die Wäschereiabteilung übernahm, verschlechterte sich das Verhältnis zu den Rewatex-Genossen. Es gab Kritik. Sie hielt zu wenig Distanz zu den Frauen, die dort einsaßen, den „Asozialen“, die geklaut hatten oder nicht arbeiten wollten. Sie brachte den Frauen sogar Gummibärchen mit und fing an, sie zu duzen.

1985 begann dann ihr größtes Abenteuer, ihre persönliche Wendezeit. Sie machte sich zusammen mit ihrem zweiten Ehemann selbstständig, übernahm eine abgewirtschaftete Wäscherei, die aussah, als sei der Krieg gerade erst zu Ende gegangen. Die Rewatex-Genossen betrachteten sie als fahnenflüchtig und legten ihr Steine in den Weg. Gebrauchte Maschinen wurden unbrauchbar gemacht, bevor sie an Waltraud geliefert wurden, zudem musste sie Mitarbeiter schlechter bezahlen als im Kombinat.

Doch Waltraud wusste ja, wie man Menschen für sich einnimmt. Indem man sie gut behandelt, besser als Rewatex. Die Wäscherei lieferte pünktlich und immer in der gleichen Qualität. Auch das war nicht selbstverständlich. Bald ließen die umliegenden Kindergärten bei Waltraud waschen, und der gute Ruf drang bis zur Stasi. Die ließ – natürlich streng konspirativ – die Handtücher und Bettlaken des stasi-eigenen Kindergartens in Waltrauds Hinterhofbetrieb in Köpenick schleudern und mangeln.

Das hatte Vorteile fürs Unternehmen. 1987 war plötzlich eine bezirkliche Baukommission im Hinterhof der Wäscherei erschienen, machte sich Notizen und beschied kurze Zeit später, das Anwesen sollte abgerissen werden. Waltraud und ihr Mann teilten es der Stasi mit, sie möchten sich schon mal um eine andere Wäscherei kümmern, doch die Herren wandten sich stattdessen an die Baukommission.

Für ihre „hervorragenden Leistungen bei der sozialistischen Erziehung der Jugend in der DDR“ erhielt Waltraud eine Urkunde. Sie tourte mit Waschzuber, -brett und -trommel durch die Kindergärten der Umgebung und trat regelmäßig beim „Köpenicker Sommer“ auf – ohne Aufwandsentschädigung. Das Wäschereiwesen hat in Köpenick eine lange Tradition. Hier wurde im 19. Jahrhundert die chemische Reinigung erfunden.

Der Betrieb nahm die Hürde vom Sozialismus in die Marktwirtschaft. Waltraud arbeitete noch mehr, wunderte sich, wie viele Zahlen in eine Steuererklärung passen, und wurde stellvertretende Vorsitzende der Berliner Textilreiniger-Innung. 1990 eröffnete sie mit ihrem Mann Lothar das Wäschereimuseum „Omas Waschküche“. Dort trafen sich bald die Bügeleisensammler aus aller Welt. Das Museum blieb ein Zuschussbetrieb, aber die Wäscherei lief ja gut. Lufthansa und Singapur-Airlines ließen bei Waltraud plätten. Bis dann die Konkurrenz aus Osteuropa die Dienstleistungen am Textil für die Hälfte anbot.

Schlimmer als das Knapsen mit dem Geld und die viele Arbeit war der Tag, als das alles aufhören sollte. Der 31. Dezember 1996 war ausersehen für die Übergabe der Wäscherei an die nächste Generation, schon vorher bekam Waltraud Panik, wenn sie nur daran dachte. Ihr Blutdruck kletterte bei dem Gedanken, nicht mehr gebraucht zu werden. Erst als sie die Zweigstelle an der Rummelsburger Bucht übernehmen durfte, blühte sie wieder auf. Später bildete sie für die Innung Lehrlinge aus, lernte nebenher Englisch an der Volkshochschule, skypte mit dem Leiter des Waschmaschinenmuseums Arizona und schlief schlecht, wenn ihr wieder eine englische Vokabel nicht einfallen wollte.

Sie liebte Helene Fischer, die Schlagersängerin, flippte richtig aus, wenn sie auf einem ihrer Konzerte war, jubelte, sprang von ihrem Platz auf. „Wer schaffen will, muss fröhlich sein“ – ihre Devise. Wenn sie nichts schaffte, wurde sie traurig und krank. Zuletzt war es der Krebs, der sie hinabzog. Thomas Loy

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