Berlin : Waltraud Dotzauer (Geb. 1930)

Aus Versehen hat man doch tatsächlich den falschen Beutel gegriffen

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Die eine und die andere. Die eine ist klein, bekommt von der Mutter eine niedliche Schleife ins Haar gebunden und wird von allen Mausi gerufen. Die andere ist groß, fünf Jahre älter, trägt einen präzis geschnittenen Pagenkopf und soll stets die Vernünftige sein. Doch liegt ihr an der Vernunft herzlich wenig. Im Gegensatz zu Mausi, die alles plant, vorsichtig ist und vorausschauend. In deren Schubladen liegen die Dinge nach einem ausgeklügelten System geordnet, sie vertrödelt keinen Morgen im Bett und von überraschenden Zwischenfällen fühlt sie sich überrumpelt. Was die andere amüsiert. In deren Schubladen sieht es aus wie Kraut und Rüben, sie pfeift auf die Weisheit vom Gold und der Morgenstund und noch Jahrzehnte später, sie ist längst kein junges Ding mehr mit Pagenkopf, fliegt sie auf eine griechische Insel, geht dort einfach in ein Café und fragt, wo man ein Zimmer finden kann. Mausi träumt von so etwas nicht einmal.

Aber die Schwestern haben auch viel gemeinsam. Annelies, die ältere, hortet Vorräte, Waltraud, Mausi, kocht unentwegt Marmelade und weckt Obst ein, obwohl die Läden inzwischen voll sind. Beide können den süßlichen Pferdefleischgeruch der Hungerjahre nicht vergessen. Und das Schweigen: Sie wissen genau, was sie da essen, sollen es aber mit keiner Silbe erwähnen. Wie alles Schwierige nicht ausgesprochen werden darf. Als ihre Mutter im Frühjahr 1979 im Sterben liegt, sitzt die Familie ein letztes Mal beisammen, und keiner spricht vom Tod. Vielleicht ist ihnen der Lärm der Jahre ’44, ’45 noch zu nah, die Sirenen, die kurz darauf einschlagenden Bomben.

Beide überstehen diese Zeit, beide heiraten. Doch dann geht ein Riss durch ihre Zweisamkeit, von einem Tag auf den anderen, die Mauer wird gebaut, Waltraud sitzt im Osten, Annelies im Westen. Na gut, sagen beide, so ist es eben, stehen auf, jeder auf seiner Seite, holen ihre Schreibmaschinen hervor und fangen an, einander lange Briefe zu schreiben, die eine so rasant im Zehnfingersystem wie die andere. Oder sie telefonieren. Erzählen von ihrem Arbeitsalltag, der sich ähnelt und grundlegend voneinander unterscheidet. Beide sind im Handel tätig. Annelies führt eine Drogerie im Kapitalismus, Waltraud arbeitet erst bei „Pikanta“, einem sozialistischen Betrieb für Salzgebäck, und dann für die HO, die Handelsorganisation, wo sie für 30 Kaufhallen zuständig ist.

Manchmal geht es auch konspirativ zu in ihren Briefen. Annelies schreibt, sie werde einen entfernten Verwandten zum Geburtstag besuchen, Waltraud versteht sofort, sie packen identische Stoffbeutel, in den einen wandern Kaffee, Schokolade und Illustrierte, in den anderen Gemüse aus dem Garten und Leberwurst, dann steigen sie mit ihren Männern ins Auto und fahren bis zu einer vereinbarten Raststätte an der Transitstrecke. Die eine Familie sitzt bereits an einem Tisch und picknickt, die andere fragt höflich, ob noch Plätze frei seien. Ja, ja, setzen Sie sich nur. Am Ende der Mahlzeit gibt es einen freundlichen Händedruck, und erst im Auto wird klar, ach, aus Versehen hat man doch tatsächlich den falschen Beutel gegriffen.

Aufwendiger ist die Organisation der Sommerferien. Waltraud kauft eine Flugkarte nach Bulgarien oder Rumänien für einen Campingurlaub. Annelies bucht bei Neckermann eine Pauschalreise plus zusätzliches Bett mit Halbpension im selben Zimmer.

Die Stasi erfährt nichts davon. Waltraud lebt jetzt in Leipzig, in ihrer Stasi-Akte findet sie später nur diesen Eintrag: „In West-Berlin wohnt die Schwester. Diese kommt stets zur Messe, da sie hier auch geschäftlich zu tun hat. Für die Verwandten wird das halbe Zimmer der Wohnung zur Verfügung gestellt. Ob die Anreise mit Pkw erfolgt, war nicht festzustellen, da unmittelbar vor dem Haus nicht geparkt werden kann.“

Waltrauds Klassenstandpunkt ist für die Genossen nicht unerheblich. Denn sie und ihr Mann dürfen beruflich zwei Jahre nach Belgien. Waltraud werden hervorragende fachliche und organisatorische Fähigkeiten bescheinigt, allein zum Programm der Partei müsse sie ihre Position „eindeutiger fixieren“.

Aber Ende 1989 ist ohnehin Schluss mit diesem Kokolores. 1990 geht sie in Rente, ein Jahr nach Annelies. Ihr Mann lebt da schon seit zwölf Jahren nicht mehr, und auch der ihrer Schwester stirbt. Sie verreisen jetzt ohne komplizierte Absprachen. Und Waltraud verbringt viel Zeit im Garten, legt ein Tulpenbuch an, in dem sie notiert, dass 2012 fast 500 Blüten aufgegangen sind, im Folgejahr leider nur 268. Sie bindet kleine Sträuße und legt sie den Nachbarn in dem Haus für betreutes Wohnen vor die Tür. Sie tanzt in einer Frauengruppe Cancan, alle Damen tragen weiße Tutus, und sie turnt in einem Fitnessclub.

Am 12. Januar geht sie, wie jede Woche, zur Wassergymnastik. Und verliert für wenige Sekunden das Bewusstsein. In der Notaufnahme wird sie routinemäßig auf Herzinfarkt und Lungenembolie untersucht, zu spät stellen die Ärzte den Riss in der Hauptschlagader fest. Genau wie bei ihrer Schwester, zwei Jahre zuvor.

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