Berlin : Wandas Sommersprossen

Christine-Felice Röhrs

Kleine Geschichten von oder über Menschen, die auf den Arzt warten – die sollen hier montags stehen, mal lustig, mal melancholisch. Heute: beim Hautarzt in Steglitz.

Wanda ist eine von denen, die man in Wartezimmern gerne beobachtet. Weil sie so sichtlich nicht leiden. Eigentlich wäre Wanda ein hoffnungsfroher Auftakt für so eine Wartezimmerkolumne, denn Mitwarter wie sie beruhigen. Wanda ist jung, etwa 15, und leuchtet freundlich. Grüner Pullover, rote Haare und blaue Augen. Und sie hat Sommersprossen.

Zu ihren Sommersprossen sagt Wanda allerdings nie „Sommersprossen“. Wanda sagt immer „Epheliden“. Vielleicht, weil das die Sommersprossen zu einem medizinischen Problem macht – heilbar. Im Gegensatz zu einem „SCHÖNHEITSFEHLER!“, wie Wanda sagt. Wegen dieses Fehlers ist sie hier, beim Arzt, mit Mick, ihrem Freund, der neben ihr sitzt. „Schönheits-OP“, murmelt der und zieht das „ö“ verächtlich. Er mag Wandas Sprossen. Sie sind HÜBSCH, sagt er. Er starrt Wanda böse an, und Wanda starrt böse zurück. WEGLASERN soll der Arzt die Sprossen, sagt sie energisch. Das geht, sagt sie. Hat sie gelesen. Dann wird sie aufgerufen, und Mick geht mit.

Es dauert allerdings nicht lange, bis sie wieder rauskommen. „Siehste!“, sagt Mick. Wanda guckt weg. Bevor sie geht, kramt sie noch einen Abdeckstift heraus und ein Spiegelchen und fängt an, Sommersprossen zu übermalen, Punkt für Punkt.

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