Berlin : Wandertag der Wähler

Stephan Wiehler

Es war der Tag der Wählerwanderung. Von der großen Bewegung mit den kleinen Kreuzen profitierte vor allem die FDP, die aus der Bedeutungslosigkeit von zwei Prozent bei der letzten Wahl 1999 mit 9,8 Prozent der Stimmen ins Berliner Abgeordnetenhaus zurückkehrt. Ein Erfolg, den die Liberalen vor allem der schweren Niederlage der CDU zu verdanken haben. Nach den Ergebnissen der Wahlforscher von Infratest/dimap verlor die Union, die auf einen historischen Tiefstand von 23,6 Prozent absank, rund 83 000 ihrer Wählerstimmen von 1999 an die Freien Demokraten. Weitere 62 000 Wähler, die der Union das Vertrauen entzogen, entschieden sich diesmal für die SPD, die stärkste Partei wurde.

Zum Thema Ergebnisse I: Stimmenanteile und Sitzverteilung im Abgeordnetenhaus
Ergebnisse II: Direktmandate im Abgeordnetenhaus
Ergebnisse III: Ergebnisse nach Regionen (Abgeordnetenhaus und BVV)
WahlStreet.de: Die Bilanz Von der großen Zahl der Wechselwähler profitierte vor allem die PDS. Mit Ausnahme der FDP trotzte sie allen Parteien Stimmen ab, die meisten gewann sie von enttäuschten CDU-Wählern. Allein 33 000 wechselten von der Union zur SED-Nachfolgepartei. Auch 14 000 ehemalige Grünen-Wähler gaben diesmal den Sozialisten ihre Stimme, die SPD verlor immerhin noch 4000 Wähler an die PDS. Besonders die Erstwähler unter den insgesamt 2,43 Millionen Wahlberechtigten fanden Gefallen an Gysi und Genossen. In ihrer Wählergunst stieg die PDS mit 33 Prozent zur stärksten Partei auf, gefolgt von der SPD mit 26 Prozent. Außerdem gelang es der PDS, rund 29 000 Nichtwähler zu mobilisieren.

In einer ersten Analyse führte die Forschungsgruppe Wahlen den Erfolg der Sozialdemokraten auf das starke Interesse der Wähler an der Landespolitik sowie auf den Amtsbonus des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit zurück. 62 Prozent der Befragten hatten in einer Umfrage die Berliner Politik als Hauptgrund für ihre Wahlentscheidung genannt, nur 24 Prozent die Bundespolitik. Allerdings habe sich die "Grundatmosphäre in der Bundesrepublik" nach den Terroranschlägen in den USA und die US-Militäraktionen in Afghanistan mit einem starken Kanzler Gerhard Schröder durchaus für die SPD ausgewirkt, analysierte der Politologe Werner Weidenfeld in der ARD. Als weiteren Grund für das gute Abschneiden der SPD nannten die Mannheimer Wahlforscher das unglückliche Auftreten des CDU-Spitzenkandidaten Frank Steffel. Selbst bei den treusten Unionswählern, den über 60-Jährigen, verlor die CDU zwei Fünftel ihrer Stimmen und kam nur noch auf 31 Prozent. Insgesamt fielen die Verluste der CDU mit zunehmendem Alter der Wähler immer dramatischer aus: Die Union verlor bei den unter 30-Jährigen 14, bei den 30- bis 44-Jährigen 17 und bei den Wählern ab 60 Jahren 22 Prozentpunkte.

Beim Vergleich der Spitzenkandidaten wünschten sich 43 Prozent Wowereit als Regierungschef, nur 16 Prozent sprachen sich für Steffel aus, wie die Forschungsgruppe Wahlen ermittelte. Auch PDS-Spitzenmann Gregor Gysi war mit 26 Prozent populärer.

Aber nicht nur in der Kandidatenfrage, sondern auch bei der Sachkompetenz lag die SPD laut Forschungsgruppe Wahlen im Gegensatz zur Wahl 1999 zum Teil weit vor der CDU. Dies galt für alle wichtigen Politikfelder. Nur beim Thema Innere Sicherheit konnte sich die CDU vor der SPD profilieren.

Der "Berliner Filz" in Politik und Verwaltung sowie die Finanzmisere, die im Sommer zum Bruch der Großen Koalition geführt hatte, wurden zwar von den meisten Befragten (62 Prozent) beiden Parteien gleichermaßen angelastet. Aber 28 Prozent sahen die CDU als Hauptschuldige dafür an und nur drei Prozent die SPD alleine.

Vor allem am Beispiel der PDS zeigen die krassen Unterschiede im Wahlverhalten von Ost und West nach Ansicht der Mannheimer Wahlforscher, "dass Berlin auch weiterhin eine politisch geteilte Stadt ist". Während fast jeder zweite Ost-Berliner die PDS wählte, konnten die Sozialisten im Westteil nur 6,7 Prozent der Stimmen für sich gewinnen. Ihren knappen Vorsprung von rund einem Prozentpunkt vor der PDS verdankt die CDU als zweitstärkste Partei in Gesamtberlin allein ihrem Ergebnis in den Westbezirken. Während die Union im Osten nur 12,3 Prozent erhielt, kam sie im Westteil auf 34,4 Prozent.

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