Wandmosaik am Haus des Lehrers : Eine Satire auf "Unser Leben"

Schwarzer Humor statt Propaganda: Der Berliner Künstler Michael Wäser hat das bekannte DDR-Wandfries am Haus des Lehrers neu interpretiert.

Seit einem halben Jahrhundert zeigt ein riesiges Mosaik am Haus des Lehrers in Mitte das Leben in der DDR – so, wie es sein sollte: Fahnen schwenkende Arbeiter, zufriedene Bauern und Ingenieure kämpfen gemeinsam für eine bessere Welt. Idealvorstellungen der damaligen Staatsführung, pathetisch vorgetragen in einzelnen Szenen auf 125 Metern rund um das Gebäude. „Unser Leben“ heißt das Werk von Walter Womacka, der als Staatskünstler der DDR gilt. Die „Bauchbinde“ steht heute unter Denkmalschutz.

Doch wie könnte das Wandbild aussehen, wenn man es heute in Auftrag geben würde und ein wenig ehrlicher dabei wäre? Das fragte sich vor einiger Zeit der Berliner Künstler Michael Wäser. Den 50-Jährigen, der im Saarland aufgewachsen ist, hatte das Propagandawerk aus den Sechziger Jahren schon länger fasziniert: „Ich wollte schon immer mal einem dieser Typen ein Handy in die Hand drücken“, sagt er. So zeichnete er Womackas Fries nach, Szene für Szene am Computer. Wäsers digitaler Doppelgänger sieht seinem Vorbild auf den ersten Blick erstaunlich ähnlich, doch die Welten Womackas und Wäsers könnten gegensätzlicher kaum sein.

Wo im Original Lehrer gelehrigen Kindern die Welt erklären, resignieren sie in Wäsers Satire oder begehen Selbstmord im Klassenzimmer.  Auch die Kinder, gerade noch bereit für den Dienst am Sozialismus, verkehren ihre Fröhlichkeit in Egozentrik, hantieren verloren mit Selfiesticks und scheinen sich nach nichts mehr zu sehnen als einer Drogenkarriere. Mütter, die im Original an der Westseite des Gebäudes mit ihren Kindern durch den Garten Eden schreiten, vergöttern in Wäsers Satire ihre Babys bis zur Selbstaufgabe.

Und was ist aus den fleißigen Ingenieuren geworden, die bei Womacka mit Rechenschieber bewaffnet fröhlich Atomkraftwerke und Sendemasten für den Hörfunk entwerfen. Sie lassen den Pannenflughafen BER scheitern oder bauen Prothesen für verletzte Bundeswehrsoldaten. „In Berlin wird ohnehin kaum noch etwas produziert“, meint Wäser. Allein den Medienbereich sieht er im Wachsen und lässt in einer Szene einen Porno produzieren.

Die Künstler, bei Womacka noch mit einer staatstragenden Rolle als Lehrer des Volkes versehen, reduzieren sich zu Graffiti-Sprayern, die sich bei illegalen Aktionen filmen, um im Internet damit anzugeben.

Eigentlich ist beides Satire, grotesk überzeichnet.

Walter Womacka muss sich die Satire nicht mehr ansehen. Er ist vor fünf Jahren verstorben. Gerade in der Gegend um den Alexanderplatz ist sein Wirken nicht wegzudenken.

Wäser ist als Autor in Erscheinung getreten.

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