Berlin : Wanne-Eickel kommt

Christine Lang

Mein Bekannter Stefan nennt sich selbst einen echten Kreuzberger. Es gibt bestimmt noch echtere, welche, die zum Beispiel in diesem Bezirk geboren sind, aber immerhin wohnt Stefan seit 1987 am Oranienplatz. Er liebt seinen Bezirk, wie er betont, vor allem, weil es der einzige in Deutschland sein soll, in dem es keinen McDonald’s gibt. In letzter Zeit allerdings häufen sich seine Klagen über die zunehmende „Wanne-Eickelisierung“ Kreuzbergs. Bisher kannte ich nur Beschwerden darüber, dass „die Schwaben“ in den Szenebezirk eingefallen wären und die besten Plätze in der Cocktailbar Würgeengel besetzt hätten.

Aber dass die Bewohner des kleinen Städtchens Wanne-Eickel nun das popkulturelle Leben von „Kreuzberg 36“ an sich gerissen hätten, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Auch wenn das kleine Städtchen damit glänzen kann, dass dort 1966 von der Lokalband Nightbirds ein Guinness-Weltrekord im Dauer-Beat aufgestellt wurde. Hinter Stefans Aussage verbirgt sich wohl eher etwas im übertragenen Sinn. Um dem auf die Spur zu kommen, habe ich mich dann am letzten Samstag mit Stefan im Möbel Olfe am Kottbusser Tor verabredet. Stefan nennt die Trinkhalle immer „öbel Olfe“, solange jedenfalls der Anfangsbuchstabe der großen Leuchtlettern auf dem Dach des Zentrums Kreuzberg nicht erneuert wird. Das Möbel Olfe ist allerdings immer überfüllt, so dass wir nach dem obligatorischen leckeren polnischen Bier gleich weiterzogen.

Als wir über die Oranienstraße gingen, wurden wir plötzlich von links hinten angesprochen: Hey, ist eine geschlossene Gesellschaft, aber kommt doch rein. So landeten wir im relativ neu eröffneten Cake Club. Sofort meinte Stefan zu mir: Das meine ich! Hier ist es wie in Wanne-Eickel oder Bottrop oder Gießen oder wie in jeder beliebigen westdeutschen Kleinstadt, das gab es in Kreuzberg früher nicht. Ich muss gestehen, dass ich in keiner der genannten Städte jemals ausgegangen bin, aber mir wurde klar, was er meint.

Von der Schnabelbar, die vorher in diesen Räumen war, ist nicht viel übrig geblieben. Nicht nur die Dead-Chickens-artige Metalldekoration, sondern auch der Staub ist weg, das Licht ist jetzt hell, und man kann zum ersten Mal den Raum erkennen. Die Inneneinrichtung ist im Stil der 50er Jahre gehalten und wird von der pastelligen Mondrian-artigen Wandtapete bestimmt. Der Laden wirkt sehr freundlich, die Leute lachen, die kleine Tanzfläche ist gut gefüllt, und der DJ klatscht zu seinem technofreien Latin- und Raggae-Sound selbst in die Hände. Als das Bier ausgetrunken war, wollte Stefan dann weiter.

Cake Club, Oranienstr. 31, Kreuzberg, dienstags bis sonnabends geöffnet ab 20 Uhr, DJ-Programm ab 22 Uhr. Detailliertes Programm unter www.cakeclub.de

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