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Warnstreik an den Schulen : "Tarifdiktat muss aufhören": Tausende Lehrer protestieren

Die GEW hat alle angestellten Lehrer in Berlin am Donnerstag zum Warnstreik aufgerufen. Auf dem Potsdamer Platz versammelten sich tausende Pädagogen.

von und Frank Bachner
Streikende Lehrer protestierten schon im März auf dem Potsdamer Platz.
Streikende Lehrer protestierten schon im März auf dem Potsdamer Platz.Foto: Sylvia Vogt

"Wir sind viele, wir sind laut, weil es endlich Fairness braucht", der Reim ist ein bisschen holprig, den GEW-Chefin Doreen Siebernik vorspricht, aber er kommt ganz gut an bei den tausenden Lehrern, die sich am Donnerstagvormittag auf dem Potsdamer Platz versammelt haben. 3500 Lehrer sind nach Angaben von GEW-Sprecher Manuel Honisch zur zentralen Kundgebung gekommen. 3000 haben sich auf den Streiklisten eingetragen. Die Gewerkschaft hatte die rund 12.000 angestellten Berliner Lehrer zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen. Für viele Schüler gab es Unterrichtsausfälle. "Das ist eine sehr gute Beteiligung", sagte Honisch. "Wir hatten vor dem Streiktag bewusst nicht gesagt, wie viele Streikende wir erwarten."

GEW erwartet Einladung des Finanzsenators

Naja, ganz stimmt das nicht. Doreen Siebernik, die Vorsitzende der GEW Berlin, hatte eine Mindestgröße genannt. "Die Zahl der Streikenden sollte am ersten Warnstreiktag nicht weit unter 2000 liegen", hatte sie am Mittwoch gegenüber dem Tagesspiegel erklärt. Jetzt, angesichts der aktuellen Zahlen, sagte sie: "Es war eine sehr erfolgreiche Veranstaltung. Die Leute sind sehr kämpferisch. Sie erwarten jetzt von Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) eine verbindliche Einladung zu Sonderungsgesprächen." Die GEW-Landeschefin erwartet, "dass in den nächsten Tagen Post kommt". Der Finanzsenator könne sich jetzt nicht noch drei, vier Wochen Zeit lassen. Die Streikenden hätten ein Zeichen gesetzt. Viele junge Kollegen, die bislang noch überlegt hätten, ob sie streiken sollen, hätten nun den Mut gefunden, an dem Warnstreik teilzunehmen. Sollte es den nächsten Tagen keine Sondierungsgespräche geben, dann wird der Streik verschärft. Das kündigte Doreen Siebernik gleich auch noch an. "Und dann werden wir uns nicht, wie jetzt, um die Prüfungen herummogeln können. Dann werden auch Prüfungen betroffen sein."

"Mit der Abwehrrhetorik des Senators muss Schluss sein, das Land ist in der Verantwortung", sagt Siebernik. Sie verweist auf den eklatanten Lehrermangel in Berlin, der auch mit den Arbeitsbedingungen zu tun habe. Ohne fairen Tarifvertrag werde es immer schwieriger wird, qualifizierte Lehrkräfte zu gewinnen, sagt Siebernik.

"Keine Lehrer zweiter Klasse"

"Das Tarifdiktat muss aufhören", ruft GEW-Tarifexperte Udo Mertens den Streikenden zu. Im Moment seien Verschlechterungen für Quereinsteiger und Lehrer an Willkommensklassen geplant, das sei nicht hinnehmbar. „Schon bald werden mehr als die Hälfte der Berliner Lehrkräfte Angestellte sein – und die lassen sich nicht länger als Lehrkräfte zweiter Klasse behandeln.“

Bei den Lehrern ist der Frust zu spüren, schließlich ist es nicht der erste Streik. "Ich bin seit 2011 dabei und es hat sich nichts geändert", sagt ein Lehrer vom Gymnasium Tiergarten. "Wir fordern weiterhin gleiches Geld für gleiche Arbeit, und dafür müssen wir kämpfen." Eine Lehrerin der Reinfelder-Schule in Charlottenburg ärgert besonders der Personalmangel, der zu Lasten der Inklusion gehe. "Förderstunden sind unsere Vertretungsreserve, das kann doch nicht sein."

Zu Besuch im Streikcafé in Schöneberg

Am Morgen trafen sich die Lehrer erst vor den Schulen und dann in Streikcafés. Um 8.20 Uhr stehen vor dem Streikcafe des "Kulturcentrums Weisse Rose" in Schöneberg 15 angestellte Lehrer der Tempelhofer Lindenhof-Grundschule. Eine Pädagogin trägt einen roten Plastiküberzug mit dem "GEW"-Logo, eine weinrote Brille und viel Bitterkeit in der Stimme. Waltraud Gergeleit unterrichtet an der Lindenhofschule unter anderem Mathematik und Sachkunde und stöhnt, "dass ich noch nie ein Arbeitsverhältnis hatte, das so prekär war". Angestellte Lehrer würden behandelt "wie Menschen zweiter Klasse". Alle diese angestellten Lehrer der Lindenhof-Schule sind jetzt vor dem Café versammelt, es ist kalt, die Lehrer sind in Mützen, Schals und dicke Mäntel eingehüllt, aber die Sonne scheint schon. An der Lindenhof-Schule findet heute mangels personeller pädagogischer Masse gar kein Unterricht statt. Kein Problem, behauptet jedenfalls Katharina Jung, Deutsch- und Englisch-Lehrerin. "Alle Eltern stehen hinter uns." Zumindest stehen diverse Lehrer hinter ihnen. Zehn Minuten später strebt eine Traube von Streikenden, viele mit roten GEW-Plastikteilen ausgestattet, zur "Weissen Rose".

Gemischte Gefühle in Neukölln

Auch in Neukölln gibt es einen Streiktreffpunkt, das Café Rix neben dem Heimathafen Neukölln ist gut gefüllt und ganz für die streikenden Lehrer reserviert. Überwiegend junge Gesichter sind zu sehen, die vielen neu angestellten Lehrer haben den Altersdurchschnitt der Berliner Pädagogen erheblich gesenkt. "Bei uns ist die Streikbereitschaft sogar noch höher als sonst", sagt Pauline Ehleben, Lehrerin an der Regenbogen-Grundschule. Sie ist Berufsanfängerin, arbeitet erst seit zwei Jahren als Lehrerin. "Wir sind hochmotiviert, aber pfeifen regelmäßig auf dem letzten Loch", sagt Ehlerding, und ihre Kollegin Lisa Weigelt pflichtet ihr bei. Am schlimmsten sei der Personalmangel. "Wir sollen Inklusion, Sprachförderung, individuelle Förderung leisten, sind aber ganz oft allein. Vom Konzept her sollten wir zu zweit in der Klasse stehen", sagt Ehleben. Den Streik sieht sie deshalb als Protest gegen diese Arbeitsbedingungen. Außerdem geht es auch explizit um die Grundschullehrer - sie sollen besser bezahlt werden und das gleiche Gehalt bekommen wie alle anderen Lehrer.

Von den Eltern habe es freundlichen Zuspruch gegeben, und die Kinder hätten am liebsten mitgemacht, erzählt Weigelt. Bei einigen Klassen fallen heute die fünfte und sechste Stunde aus, drei Klassen blieben ganz zu Hause.

Ein paar Tische weiter sitzen Lehrer des Albert-Schweitzer-Gymnasiums. Bei ihnen ist die Stimmung weit weniger kämpferisch. "Was soll das bringen, ein Streiktag kurz vor den Ferien?", sagt ein Lehrer und klingt resigniert. Nur neun von 29 Kollegen hätten dieses Mal mitgemacht, sagt er. Bei den anderen Streiks seien es weitaus mehr gewesen. "Wenn wir mal eine ganze Woche lang streiken würden, das würde vielleicht was bewegen", sagt er. "Von den Forderungen der GEW, insbesondere der nach Gleichstellung von Angestellten und Beamten, sind wir nach wie vor überzeugt", sagt seine Kollegin. "Nicht aber von der Wirksamkeit der Streiks."

Weitere Streiks nach den Osterferien?

Die GEW hatte in einem Schreiben an die Eltern mitgeteilt, der Streiktag sei so gewählt worden, dass Prüfungen möglichst wenig tangiert würden. Allerdings machte die Gewerkschaft auch klar, dass es weitere Streiktage geben werde, wenn es keine zufrieden stellende Verhandlungen mit dem Senat gebe. Nach den Osterferien seien "Störungen des Schulbetriebs nicht auszuschließen".

Worum geht's eigentlich?

Die Gewerkschaft fordert von Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) die Aufnahme von Tarifgesprächen. Sie will eine tarifliche Eingruppierung der Lehrkräfte erreichen. Alle angestellten, voll ausgebildeten Lehrer sollen nach der gleichen Entgeltgruppe (nämlich E 13) bezahlt werden, und zwar egal ob sie an Grundschulen oder Gymnasien arbeiten. Zudem fordert die GEW, dass Unterschiede zwischen verbeamteten und angestellten Lehrer durch tarifliche Zulagen ausgeglichen werden.

Im März 2015 sind die Verhandlungen mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) gescheitert. Deshalb entscheiden die Arbeitgeber allein über die Eingruppierung und damit die Höhe der Gehälter der angestellten Lehrer.
Für die GEW-Landesvorsitzende Siebernik ein Unding. "Letztlich ist es egal, ob 2000 oder 3000 auf der Straße sind", sagte sie. "Wir wollen nicht bloß Parolen in die Welt setzen, wir wollen vor allem ein Zeichen in die Stadt setzen, dass wir ernsthafte Verhandlungen wollen. Man soll uns ernst nehmen.
Uns geht es um eine gerechte Bezahlung und um mehr Lehrkräfte vor allem an den Grundschulen." Dort fehlten Lehrer. Deshalb gingen immer mehr Studienräte an die Grundschulen, sie verdienten dort aber erheblich mehr als die klassischen Grundschullehrer. Seit 2003 werden Lehrer in Berlin nicht mehr verbeamtet."

Zuletzt hatten die Lehrer am 26. Januar gestreikt. Damals war aber nur an ausgewählten Schulen gestreikt worden. Rund 400 Lehrer nahmen teil.

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