Berlin : Warnung vor dem „Schulkrieg“

SPD-Mehrheit für Abschaffung der Gymnasien gilt als wenig wahrscheinlich

Susanne Vieth-Entus

Angesichts der neu entbrannten Diskussion um eine „Gemeinschaftsschule“ hat die SPD-Bildungspolitikerin Felicitas Tesch davor gewarnt, „in Panik zu verfallen“. Sie geht nicht davon aus, dass die Sozialdemokraten auf ihrem Parteitag am 9. April für eine radikale Reform wie die Abschaffung der Gymnasien stimmen werden. Eher rechnet sie mit kleinen Reformschritten hin zu einer späteren Aufteilung der Kinder. Heinz-Elmar Tenorth, HU-Vizepräsident und Erziehungswissenschaftler, prognostiziert einen „Schulkrieg“, falls die Sozialdemokraten das Gymnasium der „Gemeinschaftsschule“ opfern wollten.

Wie berichtet, liegen aus etlichen SPD-Kreisverbänden Anträge für den Parteitag vor, die auf eine längere gemeinsame Schulzeit hinauslaufen. Laut Tesch hat sich etwa die Charlottenburger SPD für eine zehnjährige Gemeinschaftsschule ausgesprochen. Derartige Anträge seien aber „nicht mehrheitsfähig“. Tesch prognostiziert, dass es langfristig auf ein Zwei-Säulen-Modell wie in Brandenburg hinauslaufen könnte, wo es neben dem Gymnasien nur einen weiteren Schultyp, die „Oberschule“, geben soll.

Dieses Modell hat inzwischen viele Fürsprecher. Zu ihnen gehören Deutschlands führender Pisa-Forscher Jürgen Baumert und FU-Präsident Dieter Lenzen. Auch Heinz-Elmar Tenorth hält dieses Modell für „plausibel“. Auf jeden Fall müsse man am Gymnasium festhalten. Seine Abschaffung vorzuschlagen, sei „selbstmörderisch“, da dann ein Großteil der leistungsfähigen Schüler auf Privatschulen abwandern würde. Zudem verprelle man dann ausgerechnet die Eltern, die sich für Bildung interessierten. Wichtiger als eine Strukturdebatte sei aber, dass die Schulen ihre „Bringschuld“ ernst nähmen und den Schülern Mindeststandards vermittelten.

Führende SPD-Bildungsfachleute sowie die PDS und die Grünen wollen sich aber nicht mit einer kleinen Reform begnügen. Sie erinnern daran, dass in keinem der 33 Pisa-Länder der Schulerfolg derart von der sozialen Herkunft abhängt wie in Deutschland, weil hier die Kinder je nach Elternhaus auf die drei Schultypen aufgeteilt werden: Bei gleicher Intelligenz hat ein Oberschicht-Kind fünfmal so hohe Chancen, auf ein Gymnasium zu kommen, wie ein Kind der unteren Mittelschicht.

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