Berlin : Warte, warte! (Glosse)

Andreas Conrad

Die Aufmerksamkeit der Berliner war in den letzten Jahren vor allem auf die Leute aus Bonn gerichtet. Sie wurden, und werden, eher mit Skepsis beobachtet, drohte doch mit ihrem Kommen der geliebte Alltag endgültig zum Teufel zu gehen.

Da ist ja was dran, und dennoch - erst gestern wurde dieser Einwand aufs Schrecklichste bestätigt - greift die Bonn-Phobie zu kurz, stimmt auch in der Himmelsrichtung nur sehr grob. Die wahre Gefahr für Berlin verbirgt sich hinter einem Vorfall, den die ausführlich berichtende Agentur dpa unter den Schlagworten "Kenia / Kriminalität / Adel" zusammenfasste: Der als "Prügelprinz" schon früher auffällige Ernst August von Hannover habe wieder einmal zugeschlagen, beschwert sich ein deutscher Diskothekenbesitzer, der seinem Gewerbe leider auf der dem Urlaubsort des Blaubluts benachbarten Insel nachgeht und offenkundig dessen Unwillen erregt hat.

Nun gut, prügeln tut man nicht, doch was geht mich das an, wird sich der Durchschnittsberliner denken, schließlich lebe er jenseits von Afrika und kenne derartige Rüpelhaftigkeiten allenfalls aus dem Zoo. Der gute Mann irrt. Warte, warte nur ein Weilchen, möchte man ihm warnend zurufen und muss dabei gar nicht mal an den männerschlitzenden Haarmann denken, der ebenfalls Hannoveraner war. Auch wäre es echt fies, jetzt zähneklappernd zu memorieren, wen es derzeit schon, ob mit oder ohne Umweg über Bonn, aus Hannover nach Berlin verschlagen hat. Auch der tröstliche Gedanke, wie gut wir Preußen es doch mit unseren Hohenzollern haben, die sich nicht prügeln, ja sogar bei der Streitfrage, wo ihre Ahnen denn nun für alle Ewigkeit liegen sollen, höchst ehrbar miteinander umgehen.

Das Hauptproblem liegt im Hauptstädtischen, in dem Sog, den Berlin nun mal unweigerlich ausübt, der schon Leute wie den (nicht prügelnden!) Modemann Mooshammer aus München oder den (ebenfalls nicht prügelnden) Spätheimkehrer Wolfgang Joop zu uns führte und der früher oder später auch den Welfen Ernst August zu uns spülen wird. Gerade wir Journalisten sollten da vorsorglich in Deckung gehen, uns in Nahkampftraining üben und beim Verleger Gefahrenzulage beantragen. Das alles dauert leider, also bitte, bester Prinz: Warte, warte noch ein Weilchen.

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