Berlin : Warten auf die nächste Bombe: Der Alltag eines Entschärfers

Wie ein Sprengstoffexperte mit den Bildern aus Moskau fertig wird

Christian van Lessen

„Scheiße“ hat er gedacht, als er die schrecklichen Fernsehbilder aus Moskau sah. Diesen Mann im grünen Schutzanzug, wie er hinter einer Laterne hockte, um eine Granate von Terroristen zu entschärfen. Wie plötzlich ein greller gelborangener Blitz den Mann zerreißt. Was da gerade in Moskau passierte, kann auch ihm und seinen acht Kollegen in Berlin täglich passieren. Der 45-jährige Hauptkommissar ist Leiter der Entschärfergruppe bei der Berliner Polizei.

„Ich bin sehr bestürzt“, sagt er an seinem Schreibtisch, kann sich nicht erklären, wie das in Moskau mit dem Kollegen geschehen konnte. Ein Roboter, der hier „Fernlenkmanipulator“ genannt wird, soll auch im Einsatz gewesen sein, wie überhaupt viel Technik. „Ich hüte mich zu sagen, der hat einen Fehler gemacht“, sagt Michael P., dazu seien die Hintergründe viel zu unklar. Der Hauptkommissar sitzt in einem anthrazitfarbenen, feuerfesten Overall hinterm Schreibtisch, eine Kampfmontur, wie man sie aus SEK-Einsätzen kennt. Es ist viel zu heiß für die feuerfeste Kleidung Nomex-Delta C. „Das zieht keiner freiwillig an, wenn er es nicht braucht.“ Er ist in Rufbereitschaft, irgendwo kann wieder irgendwo ein verdächtiger Koffer auf der Straße stehen (für Bahnhöfe sind seine Kollegen vom Bundesgrenzschutz zuständig), irgendwo Munition auf einem Dachboden gefunden, eine Handgranate als Sprengfalle im Auto entdeckt werden, wie vor einigen Monaten. Die Sache mit den 300 selbst gebauten Handgranaten in Kreuzberg ist auch nicht lange her.

In spätestens einer halben Stunde muss ein Entschärfer, der in Bereitschaft ist, am Einsatzort sein, 600 Einsätze gab es im vergangenen Jahr. Beim Entschärfen reicht der Overall meist nicht aus, dann muss die grüne Schutzmontur rüber, 35 Kilo schwer. Die Sorte, die auch der russische Kollege angezogen hatte.

Michael P. hat gerade mit seiner Frau Alexandra, einer Kriminalbeamtin, telefoniert. Es ging noch mal um die Bilder aus Moskau und um die Frage, ob die Familie mit den zwei Kindern nun besondere Angst haben müsste. „Wir glauben,“, sagt er, „dass die Kollegen im Funkwagen viel gefährdeter sind. Die wissen nicht, was sie bei Einsätzen erwartet.“ Ein Entschärfer könne sich auf gute Technik verlassen, beispielsweise auch auf den Roboter „Teodor“. Der aber sei manchmal einfach zu schwer oder passe nicht durch eine Tür, so dass es ohne den menschlichen Entschärfer einfach nicht gehe. Außerdem müssten regelmäßig Gutachten für Gerichtsverfahren angefertigt werden.

Michael P. und seine Leute wollen aus Sicherheitsgründen nicht namentlich genannt und fotografiert werden. Oft verwechselt man sie mit Polizeifeuerwerkern, die aber befassen sich mit den gefährlichen Resten militärischer Munition, entschärfen Bomben und Granaten aus der Kriegszeit. Die Entschärfer aber sind für „unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen“ zuständig, ihre Gruppe wurde zur Zeit der Terroristenfahndung gegründet. „Eine gewisse exotische Tätigkeit“, sagt der leitende Entschärfer und freut sich, dass die kleine Gruppe noch recht ungeschoren davonkam. Einer von ihnen verlor allerdings bei einem Einsatz mehrere Finger.

Michael P. wirkt mit seinen kurzen Haaren und seiner sportlichen Figur wie ein FBI-Agent oder ein Privatdetektiv im Film. Wie einer, der Fragen nach einer Lebensversicherung für unpassend halten müsste. „Das Risiko deckt der Dienstherr für mich ab“, sagt er, eine private Versicherung hat er nicht abschließen können. Einen wie ihn nehme keine Versicherung auf.

In Lichterfelde wohnt er, dort wurde er auch geboren. Seine berufliche Laufbahn begann bei der Bundesmarine. Dort lernte er Elektrotechnik, wurde Torpedomeister. Aber im U-Boot wollte Michael P. nicht versauern. Er ging zurück nach Berlin, wollte erst zur Feuerwehr, entschied sich dann aber doch für die Polizei. Hier schaffte er es schnell, zu den markigen SEK-Leuten zu kommen. P. absolvierte dann die Fachhochchule für den gehobenen Dienst, wurde Leiter der Präzisionsschützen, und vor zwei Jahren kam er zur Entschärfergruppe.

Der Mann, der im Overall und mit aufgekrempelten Ärmeln stets auf Abruf bereit ist und mit der Gefahr lebt, muss zum Ausgleich ein friedliches Hobby haben. Gartenarbeit? „Der Garten gehört meiner Frau“, sagt er, nennt dann die beiden 4 und 13 Jahre alten Kinder, mit denen er gern die freie Zeit verbringt. Die ältere Tochter hat ihn schon in seiner Dienststelle besucht. Angst habe sie um den Vater nicht, sagt er. Neben der Familie ist die Berliner Architektur sein großes Hobby. Manchmal veranstaltet Michael P. für Bekannte kleine Achitekturführungen, das entspannt ihn. Aber dafür hat er vorläufig den Kopf nicht frei. Die Bilder aus Moskau wirken nach.

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