Berlin : Warten auf die Operation

Im Benjamin-Franklin-Klinikum wurde gestern weiter gestreikt. Viele Patienten unterstützen die Aktion

Sandra Dassler

Berlin - Vorgestern wurde Jörg Leyrer ins Universitätsklinikum Benjamin Franklin gebracht. Gestern sollte er operiert werden. Der Termin stand lange fest und der frühere Unternehmer hatte seine zahlreichen ehrenamtlichen Verpflichtungen entsprechend geplant. Die Aufnahme ins Steglitzer Klinikum, das zur Charité gehört, verlief problemlos, der Mittwoch verging mit Vorbereitungen auf die Operation. Auf Schlaftabletten vor dem Eingriff verzichtete Jörg Leyrer. „Ich bin kein Typ, der sich schnell aufregt“, sagt er.

Keine 24 Stunden später ist er nicht nur aufgeregt, sondern empört: „Die haben mir am Morgen sogar noch die Thrombose-Spritze gegeben“, sagt er. Erst als er schon den OP-Kittel überzog – „Totenkittel“, sagt Leyrer dazu – informierte ihn Arzt darüber, dass die Operation nicht stattfinden könne. Es täte ihm leid, aber bekanntlich streikten die Beschäftigten der Operationssäle und der Anästhesie.

Seither läuft Jörg Leyrer durch die langen Gänge im Benjamin-Franklin-Krankenhaus und meidet die Eingänge, wo Verdi-Funktionäre, streikende Schwestern und Pfleger Unterschriften sammeln, Kaffee trinken und diskutieren. „Wenn ich die sehe, kommt mir alles hoch. Das, was dieser Streik kostet, zahlen doch am Ende wieder wir alle.“

Jörg Leyrer scheint mit seiner Meinung ziemlich allein dazustehen. Hunderte Patienten haben bisher unterschrieben, dass sie das Anliegen der Charité-Beschäftigten unterstützen. Auch die drei Frauen, die der Zufall im Zimmer 32 der Neurochirurgie zusammengeführt hat. Aber vielleicht war es gar kein Zufall: Alle drei haben als Krankenschwestern beziehungsweise bei Pflegediensten gearbeitet. Alle drei haben Probleme mit ihren Rücken: Bandscheibenvorfall, eingeklemmte Nerven, Schmerzen. Und alle drei sind sicher, dass diese Beschwerden auch daher kommen, dass sie in ihrem Beruf schwere körperliche Arbeit verrichten mussten: „Heben Sie mal einen 120 Kilo schweren Mann ins Bett“, sagt Eva Krüger.

Die 68-Jährige hat als Krankenschwester Jahre lang chronische Pflegefälle betreut, vor zwei Wochen wurde sie am Rücken operiert. Wie ihre Zimmernachbarinnen Monika Hummel und Renate Woyczechowski steht sie auf Seiten der Streikenden: „In diesem Beruf wird Schwerstarbeit geleistet für immer weniger Geld. Das kann so nicht weitergehen.“ Eine Schwester in der Rettungsstelle, wo auch gestern alle Notfallpatienten betreut wurden, sagt: „Es geht nicht nur um vier Prozent mehr Gehalt. Oder darum, dass wir seit 2002 keine Lohnerhöhung mehr erhalten haben. Es geht darum, dass immer weniger Personal immer mehr Kranke betreuen soll.“ Ihre Kollegin wird deutlicher: „Ehe die einen Mann oder eine Frau mehr einstellen, erfinden sie lieber die Sieben-Meter-Windel.“ Im Ernst, erzählt sie dann, sie habe schon erlebt, dass man Patienten um 16 Uhr gleich zwei Windeln anlegte, weil man nicht sicher war, ob bis zum nächsten Morgen sich noch einmal jemand um sie kümmern könnte.

Es sind Geschichten wie diese, die viele Patienten und ihre Angehörigen solidarisch mit den Streikenden sein lassen. Nur wer von einer verschobenen Operation betroffen ist, sieht das naturgemäß anders, sagt Peter Wolf, der mit anderen streikenden Kollegen am Verdi-Stand des Westeingangs sitzt. Aber beschimpft worden sei hier noch keiner, und auch die Ärzte zeigten sich inzwischen kooperativ.

Das mag auch daran liegen, dass die Ärzte gestern ausdrücklich ihre Solidarität mit dem Pflegepersonal bekundeten. Trotzdem eskalierte die Auseinandersetzung am Campus Mitte. Schuld waren die Vereinbarungen, die vorsehen, dass für Notoperationen der Streik unterbrochen wird. Verdi-Geschäftsführer Roland Tremper: „Die Ärzte haben uns am Morgen eine Liste mit so vielen angeblichen Notoperationen vorgelegt – da hätten wir den Streik gleich abblasen können.“ Die Gewerkschaft stellte ein Ultimatum: Wenn sich bis 12 Uhr nichts ändere, würde der Streik des OP-Personals auch am Freitag fortgesetzt. Von einem Ultimatum, sagt Charité-Sprecherin Kerstin Endele, sei ihr nichts bekannt. Es habe aber Irritationen gegeben, weil noch nicht alle Ärzte die Notvereinbarungen kannten.

Die Klinikleitung ging jedenfalls auf die Verdi-Forderungen ein, und so werden heute nicht mehr die OP–Schwestern, sondern die technischen Mitarbeiter der Charité streiken. Und vielleicht wird Jörg Leyrer nun doch noch operiert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben