Berlin : Warten aufs Machtwort

Mehr als 100 000 Unterschriften gegen Schließung des Fernbahnhofs Zoo Initiatoren hoffen auf einen Erfolg und rechnen mit noch größerer Empörung

Christian van Lessen

Der Ort ist nicht schlecht gewählt: 13. Stock im Europa-Center. Ein grandioser Blick über die Stadt. Unten, wie zum Greifen nah, der Bahnhof Zoo: ICE-Züge nähern sich, halten drei Minuten, verlassen langsam die Station. Viel bewegt sich auf den Gleisen. „Nur die Bahn bewegt sich nicht“, sagt die SPD-Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Monika Thiemen. Und das bei 103 000 Unterschriften gegen die Schließung des Fernbahnhofs Zoo. Dieses „Zwischenziel“ soll in gebührender Höhe präsentiert werden.

Mit Helga Frisch, die den Bürgerprotest seit vielen Wochen mobilisiert, hat sich neben Monika Thiemen auch Kurt Lehrke eingefunden, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft City. Er ist Generaldirektor des Hotel Palace, das hier oben eine Veranstaltungsetage bezogen hat.

Am 28. Mai will die Bahn unten keine Fernzüge mehr halten lassen. Die Bezirksbürgermeisterin spricht von einem Dreiklang des Protests – Bürger, Wirtschaft und Politik wollten sich damit nicht abfinden. Die Bahn habe jahrelang versprochen, den Bahnhof Zoo nicht vom Fernverkehr abzukoppeln. „Wir halten am Protest fest“, versichert sie. Und sie sei frohen Mutes, dass dieser Protest zum Erfolg führen werde. Helga Frisch, die frühere Pfarrerin, spricht von einem Skandal. Von dreistelligen Millionenbeträgen, mit denen der Bahnhof Zoo für den Fernverkehr ausgebaut worden sei, von Milliarden für den „überdimensionierten Hauptbahnhof im Niemandsland“. Verlängerte Reisezeiten, keinen U-Bahnanschluss, kaum Buslinien, wenig Platz für Taxen. Ein Verkehrschaos sei zu erwarten, und das ausgerechnet zur Zeit der Fußballweltmeisterschaft. „Ein Großteil der Empörung kommt, wenn der Bahnhof wirklich geschlossen wird“, sagt Helga Frisch. Der Widerstand dürfe auch dann nicht nachlassen, der Bahnhof nicht kampflos aufgegeben werden. Und überhaupt: Fahrpläne ließen sich auch nach Ende Mai jederzeit wieder ändern. Mit ganz Berlin könne es nicht aufwärts gehen, wenn es mit dem Westen bergab gehe. Es müsse von der Politik ein Machtwort gesprochen werden, fordert sie. Und deshalb will sie sich auch an Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) wenden.

Kurt Lehrke sagt, dass es hier nicht um „Kiezdenken“ gehe. Im Einzugsgebiet um den Bahnhof Zoo lebten 1,3 Millionen Menschen. Der Tourismus werde leiden. Auch Hamburg habe mehrere ICE-Stops. „Für mich ist der Bahnhof Zoo ein Wahlkampfthema“, meint er. Helga Frisch will zum Abschied des Fernbahnhofs Trauerkränze auf den Bahnsteig legen. Am 24. April plant sie eine Podiumsdiskussion, will dafür alle Berliner Spitzenpolitiker einladen, auch Bahnchef Hartmut Mehdorn. Auch wieder oben im Europa-Center. Mit Sicht auf den nahen Bahnhof Zoo unten. Und, in anderer Richtung, auf den neuen Hauptbahnhof. „So weit, dass wir die Fenster verhängen, gehen wir nicht“, verspricht Lehrke.

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