Berlin : Warten lernen

Adventsgemeindetag in St.-Bartholomäus

Heidemarie Mazuhn

Wer zu spät zum Gottesdienst kam, konnte leider so schöne Lieder wie „Tochter Zion freue dich“ oder „Ich steh an deiner Krippen hier“ nicht mitsingen – außer, er wusste sie auswendig. Denn vergebens suchte er gestern vormittag in der evangelischen St.-Bartholomäus-Kirche gegenüber dem Eingang zum Volkspark Friedrichshain nach einem Gesangbuch. Am ersten Adventssonntag war die 1858 auf dem ehemaligen Weinberg am Königstor nach Entwürfen von Friedrich August Stüler erbaute Kirche bis auf ein paar hintere Plätze restlos gefüllt. Sozusagen mit Kind und Kegel – sprich, auch mit etlichen Kinderwagen – waren Eltern, Kinder und Ältere der Einladung zum Adventsgemeindetag gefolgt.

In dem im Zweiten Weltkrieg schwer zerstörten, 1952 bis 1957 wieder aufgebauten und 2000 grundlegend restaurierten Backsteinbau, war es heimelig warm. Im hinteren Kirchenschiff spendete zudem ein Herrenhuter Stern sein tröstliches Adventslicht. Vorn am Altar brannten Kerzen und beleuchteten die pantomimische Vorführung eines jungen Mannes – die „Jahreszeiten des Antonio“ war sein künstlerisches Thema, in dem es ums Warten auf die Liebste ging.

Der kleinen Sophie, die im langen weißen Taufkleid auf dem Arm ihrer jungen Mutter auf ihre feierliche Aufnahme in die Christengemeinde der Bartholomäus-Kirche wartete, dauerte das Procedere gestern wohl zu lange. Mit kräftiger Stimme machte der Täufling dem Pfarrer Konkurrenz, als der in seiner Predigt das pantomimisch vorgeführte Thema Warten aufgriff.

Warten will gelernt sein, sagte Joachim Goertz, es sollte ein Schulfach sein. Ein Wartelehrer, das wäre doch was. Selbst machte er seine gemütlich thüringisch gefärbten Ausführungen darüber aber dann wohltuend kurz – wartete die Gemeinde gestern doch noch auf die Aufführung von „Peter und der Wolf“ nach dem Gottesdienst und auf den Adventsbasar mit Kaffee und Kuchen. Und zuvorderst harrte ja auch noch die kleine Sophie mit ihrer zahlreichen Taufgesellschaft auf ihren großenMoment.

„Alles ist möglich dem, der da glaubt“ gab ihr der Pfarrer als Taufspruch aus dem Markus-Evangelium mit auf den Weg als Christin. Dazu hingeführt hatte Joachim Goertz die Gemeinde in seiner Predigt über das Warten. Glauben habe mit Erwartung zu tun, sagte er. Darauf, dass Gott da ist. Jetzt in der Adventszeit warten und freuen wir uns darauf, dass er als Kind zu uns kommt, ohnmächtig und ganz angewiesen auf unseren Glauben, auf unsere Erwartungen.

So wie die kleine Sophie, die sich gestern in Begleitung ihres Tauf-Pfarrers und ihrer Paten bei einer Ehrenrunde durch das Kirchenschiff der Bartholomäus-Gemeinde als getauftes Mitglied vorstellte.

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