• Warten unter Narkose: Gefährdete Chirurg seine Patienten? Staatsanwaltschaft ermittelt im Behring-Krankenhaus

Berlin : Warten unter Narkose: Gefährdete Chirurg seine Patienten? Staatsanwaltschaft ermittelt im Behring-Krankenhaus

wegen des Verdachts auf Körperverletzung in 30 Fällen

Ingo Bach

Gegen einen Berliner Chefarzt wird wegen des Verdachts auf Körperverletzung in mindestens 30 Fällen ermittelt. Er soll regelmäßig zu spät im Operationssaal erschienen sein und dadurch die Narkose der Patienten unnötig verlängert haben. Am vergangenen Donnerstag durchsuchte die Staatsanwaltschaft die Büroräume des Chefarztes und beschlagnahmte die Akten von 30 betroffenen Patienten, alles Fälle dieses Jahres. Es liege ein Anfangsverdacht gegen den Arzt vor, bestätigte der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Björn Retzlaff, dem Tagesspiegel. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dann drohen dem Arzt, der in der Zentralklinik Emil-von-Behring in Zehlendorf arbeitet, die Kündigung und bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe.

Normalerweise wird ein Patient vor der Operation narkotisiert und dann der operierende Arzt telefonisch hinzugeholt – so auch im Emil-von-Behring-Krankenhaus. Dabei soll sich der Arzt, gegen den jetzt ermittelt wird, bis zu zwei Stunden verspätet haben. Während der Wartezeit musste der Patient mit entsprechend mehr Medikamenten in Narkose gehalten werden und das Personal, also Anästhesisten, Assistenzärzte und Pflegepersonal, in Bereitschaft bleiben.

Juristisch gesehen gelten chirurgische Eingriffe prinzipiell als Körperverletzung, es sei denn, die Einwilligung des Patienten zu dem Eingriff liegt vor. Wird die Narkose länger als nötig aufrechterhalten, gilt auch dies als Körperverletzung. Einer seiner Mitarbeiter hat den Arzt deshalb angezeigt. Jetzt sollen Gutachter klären, ob die Patienten dadurch gesundheitlich gefährdet waren.

Doch bei der Bewertung des Falles spielen nicht nur die möglichen Gefahren für Leib und Leben der Patienten eine Rolle, sondern auch die Kosten, die durch die Wartezeit verursacht wurden. Die Operationssäle sind nach den Intensivstationen die teuersten Einrichtungen eines Krankenhauses, vor allem wegen der Hochleistungstechnik und dem dazu nötigen Personal. Sollte also eine Operation länger dauern als nötig, nur weil der Chirurg nicht rechtzeitig erscheint, kostet das das Krankenhaus viel Geld – pro Minute rund neun Euro.

Beides – die mögliche Gefährdung der Patienten und die unnötigen Kosten – sind die Gründe dafür, warum Experten jetzt sagen: Sollten sich der Verdacht gegen den Arzt bestätigen, dann müsse er seinen Posten räumen. So wie ein Kollege, der vor einigen Jahren mit einem ähnlichen Fall in Bayern Schlagzeilen machte. Der Chirurg eines Kreiskrankenhauses hatte während der Operation den OP verlassen, um 75 Minuten mit einem Politiker zu telefonieren. Der Arzt wurde wegen „unnötigen Zuführens von Narkosemitteln“ zu einer Geldstrafe von rund 16000 Euro verurteilt. Außerdem kündigte ihm der Träger des Krankenhauses.

Der jetzt in Berlin betroffene Mediziner weist alle Vorwürfe zurück: „So etwas ist nicht vorgekommen, und das wird auch nicht vorkommen“, sagte er dem Tagesspiegel. „Ich bin entsetzt über diese Verleumdung, die offenbar nur das Ziel hat, das Ansehen des Krankenhauses zu beschädigen.“ Natürlich könne es einmal sein, dass er auf dem Weg in den Operationssaal aufgehalten werde und deshalb zehn oder fünfzehn Minuten später eintreffe – schließlich habe er als Chefarzt viele Patienten zu betreuen und noch andere Aufgaben zu erledigen. „Doch durch eine um einige Minuten verlängerte Narkose wird kein Patient geschädigt.“ Es gebe schließlich auch Operationen, die acht oder zwölf Stunden dauerten, ohne dass es dabei Probleme aufträten.

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