Berlin : Wartesaal Jugendknast

In der Haftanstalt Plötzensee müssen Serientäter zum ersten Mal im Leben Regeln akzeptieren – die meisten haben damit Probleme

Volker Eckert

Die Neuen im Haus 1 der Jugendstrafanstalt Plötzensee fangen mit Stufe eins an. Ihre Zelle wird schon um 18 Uhr abgeschlossen, heißt das. Kaum Privatkleidung, kein Radio. Nach drei Monaten erreicht man Stufe drei: Aufschluss bis 21.30 Uhr. Und vielleicht Haftlockerung. Wer negativ auffällt – Streit anfängt, nicht arbeitet, kifft – wird zurückgestuft. Ismail K. (Name geändert): „Da weiß man, woran man ist.“ Ismail K. (22) hält sich seit über einem Jahr auf Stufe drei.

Noch fast drei Jahre hat er vor sich, wegen Bankraubs – der Höhepunkt einer langen Karriere mit Einbrüchen, Hehlerei und Körperverletzung. Mit 17 Jahren hatten ihn die Richter das erste Mal nach Plötzensee geschickt. Zuvor gab es als Strafe nur Arbeitsdienste und Betreuer vom Jugendamt. Ismail K. – ein Serientäter und hoffnungsloser Fall? Nur etwa jeden Fünften sieht er wieder, sagt Anstaltsleiter Marius Fiedler. Die Qualität der Ausbildung sei sehr gut. Wer die abschließt, habe eine gute Chance, hinterher eine Stelle zu finden. Allerdings sind die meisten nicht lange genug da, eine Lehre zu beenden. Und einen Schulabschluss bringt auch fast keiner der Insassen mit. Wer will, kann die Ausbildung auch nach der Entlassung noch beenden. Nutzen tun dieses Angebot aber wenige, auch wenn es Bewährungsauflage ist. „Das wird nicht hart genug durchgesetzt“, bemängelt Fiedler und findet das „eine pädagogische Katastrophe“.

Das Gefängnis, in den achtziger Jahren gebaut, liegt im Charlottenburger Nordosten zwischen Stadtautobahn und Kanal, gleich gegenüber einer Laubenpieperkolonie. 350 Häftlinge sind heute hier untergebracht. Meist zweistöckige Backsteinbauten verteilen sich um eine lang gezogene Wiese mit Bäumen. Die Häuser sind nochmal in Wohngruppen unterteilt mit je rund 15 Insassen. Wachtürme sieht man keine.

Ismail K. lebt in Haus 1. Er wird um 6.45 Uhr geweckt. Um 7.15 Uhr beginnt die Arbeit, er geht aber in den Unterricht, um seinen Hauptschulabschluss zu machen. Von 13 bis 15 Uhr muss er nochmal in die Zelle, der Nachmittag wird in der Gruppe verbracht. Ismail sieht gepflegt aus, der muskulöse Oberkörper steckt in einem Marc O’Polo-T-Shirt, darunter ein Joop-Gürtel. Wie verlaufen die Nachmittage? Er zählt auf: „Tischtennis, Fußball, Kicker – man kann vieles machen.“ Die Realität sieht oft anders aus. „Viele sind antriebsarm“, sagt Anstaltsleiter Fiedler. Sie lungerten lieber rum, reden, rauchen und beschweren sich über Langeweile. Oft verlangen die Insassen Fernseher auf der Zelle, das ist aber verboten. Die jungen Männer müssen sich hier an Strukturen gewöhnen. Draußen haben sie das nie gelernt.

Ismail K. hat die Regeln mittlerweile akzeptiert. Bei seinem ersten Aufenthalt hatte er dagegen viel Ärger. Zwei seiner alten Freunde waren in derselben Gruppe, die Drei schaukelten sich gegenseitig hoch. Diesmal hat sich Ismail selber zum Haftantritt gemeldet. Damit wären die meisten hier schon organisatorisch überfordert, erzählt seine Gruppenleiterin, die 34-jährige Sozialpädagogin Nina Deininger. Marius Fiedler sagt, dass vielleicht in manchen Fällen zu lange gewartet werde, bis die Justiz einschreite. „Das heißt aber nicht, dass die zu uns kommen müssen.“ Er hält es für einen Fehler, dass 1995 die geschlossenen Heime abgeschafft wurden. Auch die Idee einer abschreckenden Kurzhaft für Serientäter lehnt er ab. Die Wirkung des dauerhaften Freiheitsentzuges könne man nicht in zwei Wochen erfahren.

Ismail K. hat noch fast drei Jahre. Vielleicht kommt er aber noch in diesem Jahr raus, wenn er freiwillig ausreist. Er ist in Berlin geboren, hat aber keine deutsche Staatsangehörigkeit. Als Türke droht ihm Abschiebung. Seine Freundin würde mitgehen, sagt er. Er will sie heiraten, eine Lehre machen, vielleicht als Friseur und irgendwann nach Deutschland zurück. Ohne Zukunftspläne hält man es in Haft nicht aus. Ismail K. sagt: „Ich bin noch jung.“

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