Berlin : Warum ABB Alstom Power mit seiner Deutschland-Zentrale an die Spree kommt

Margarita Chiari

Eberhard Diepgen kann sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: "Vielfältige Gespräche" seien schon nötig gewesen, um einen der großen Konzerne zu einer Entscheidung für Berlin zu drängen, ließ sich der Regierende am Mittwoch bei einem Besuch auf dem Betriebsgelände der ABB in Berlin-Pankow entlocken. Doch immerhin zeigten die Gespräche Erfolg: Die künftige Deutschland-Zentrale der ABB Alstom Power, des neuen Gemeinschaftsunternehmens, in dem ABB und Alstom ihre Kraftwerksaktivitäten zusammenlegen, wird, wie berichtet, an der Spree angesiedelt.

Die Entscheidung hat Gewicht. Der neue Konzern, der seine weltweite Zentrale in Brüssel haben wird, ist mit einem Umsatz von rund 20 Mrd. DM und 58 000 Beschäftigten weltweit einer der großen im internationalen Kraftwerksgeschäft neben Siemens/KWU und General Electric, die deutsche Landesgesellschaft mit rund 6000 Beschäftigten eine der gewichtigsten innerhalb der Gruppe. "Es gibt Anlass zu feiern", kommentierte Diepgen.

Freilich: Viele Arbeitsplätze sind damit nicht verbunden. Rund zehn bis 20 Leute werden nach Berlin ziehen, "eine schlanke Holding, kein aufgeblähter Verwaltungsapparat", wie Unternehmenssprecherin Gabriele Koch-Weithofer betont. Doch anderswo sorgt die Entscheidung durchaus für Unmut. Vor allem in Mannheim und Nürnberg, den beiden größten deutschen Standorten des Kraftwerksbauers mit mehreren tausend Beschäftigten, hatte man auf ein Signal gehofft. Denn noch immer ist unklar, wie sich der neue Konzern reorganisieren wird, wo Arbeitsplätze wegfallen werden. Gerade erst wurde die neue Führungsmannschaft nominiert, das Konzept werde Oktober/November vorliegen, sagt Koch-Weithofer. Wenn ABB Alstom Power aber zu einem Gemeinschaftsunternehmen zusammenwachsen soll, "wäre es nicht hilfreich gewesen, die Holding an einem der großen Standorte von ABB oder Alstom anzusiedeln". So machte Berlin das Rennen - mit 250 ABB-Beschäftigten ein kleiner Standort.

In Pankow aber atmet die Belegschaft auf. "Ein kleines Signal", sagt Betriebsratschef Wolfgang Beyer, sei die Entscheidung allemal. Denn um die Zukunft des früheren VEB Bergmann Borsig sah es zwischenzeitlich nicht gut aus. Am Standort geblieben sind nur noch die Servicegesellschaft mit rund 250 Beschäftigten und die ehemalige Betriebberufsschule, die sich zwischenzeitlich zu einem überbetrieblichen Ausbildungszentrum mauserte - nicht viel angesichts der mehr als 3000 Beschäftigten, die ABB 1991 übernommen hatte.

Geblieben ist dem Konzern aber auch ein 280 000 Quadratmeter großes Gelände. Im Rahmen des Standortsicherungskonzeptes hatte der Senat im Vorjahr einer Mischnutzung zugestimmt: Zu je einem Drittel sollen hier Industrie-, Gewerbebetriebe aber auch Freizeiteinrichtungen Platz finden. Doch das Konzept wankt. Dem größten Industriebetrieb auf dem Gelände, dem U-Bahn-Werk der Adtranz, droht die Schließung - die Verhandlungen laufen noch. Der geplante Bau eines Cinemaxx-Centers ist umstritten. Und die Verkehrsanbindung des Geländes ist bislang noch ungewiss. Doch vielleicht bringt die ABB-Alstom-Entscheidung Schwung in die Gespräche. Zusagen, betont man bei ABB, "hat es in diesem Zusammenhang nicht gegeben".

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