Berlin : Warum ich meine Tochter nach der vierten Klasse in der Grundschule lasse (Kommentar)

Monika Wolf

Eltern und Schüler gehen auf die Straße, um gegen Lehrermangel und Unterrichtsausfall zu protestieren. Ob Förderunterricht, grundständige Gymnasien oder Zentralabitur - der Berliner Senat scheut vor klaren Entscheidungen zurück. Die Politik nimmt auf Einsprüche von Interessengruppen Rücksicht, wartet ab. Sie hat mehr Zeit als unsere Kinder. Redakteure mit Kindern schreiben, was sie erleben - und: was sie wollen.

Manche Worte sind schwerer als andere, denn sie haben mehrere Bedeutungen. Das Gute an diesen Worten ist: Sie sagen viel aus. Manchmal schlagen sie sogar Alarm. Das Schlechte: Man merkt ihnen die Doppelbedeutung nicht ohne weiteres an. Man meint durchzusehen, in Wirklichkeit aber führen sie einen hinters Licht.

Gehen Sie mit Ihren Gedanken zurück, und zwar bis in die ersten Schuljahre! Meist kamen die Worte als Sätze daher. So haben sie sich in Ihnen festgesetzt, genau wie in mir. Wir haben sie nachgeplappert und uns gleichzeitig an sie gewöhnt. Sie bedeuteten uns Kindern nur so viel, wie wir kapierten. Heute sind wir erwachsen. Und hocken immer noch im Dunkeln.

Vor Tagen schlugen solche Worte auf meinem Frühstückstisch ein. "Man schreibt nicht ab", sagte das zehnjährige Kind. Die Alarmglocken schrillten. Eine andere Zeit war angebrochen.

Hinter der Ansicht, dass die Lösungen der Matheaufgaben nicht auf dem Zettel des Banknachbarn zu suchen sind, steckt ein simpler Hinweis: Jeder soll seine eigenen Leistungen zeigen. Nun ja. Man kommt im Leben nicht umhin, sich behaupten zu müssen. Dennoch ist an dem Hinweis etwas faul. Er bedeutet mehr. Scheinbar geht es ums Abschreiben, in Wirklichkeit aber stürzen sich die Worte auf den kindlichen Gerechtigkeitssinn: Was ich gelernt habe, gehört nur mir. Wer auf mein Blatt schielt, klaut. Wenn ein anderer eine gute Zensur für etwas bekommt, wofür ich geübt habe, dann ist das Betrug.

So ist meine Tochter vermutlich äußerst misstrauisch gegenüber dem Jungen, der neben ihr sitzt. Er ist ein sogenannter schwacher Schüler, sie soll sich um ihn kümmern, was ohnehin nervt, und sie ist froh, dass das Kümmern seine Grenzen hat. Vermutlich baut sie während eines Testats mit Ellenbogen und Unterarm genau so eine Mauer, wie wir sie alle einst gegen Banknachbarn errichtet haben: Verbarrikadiert saßen wir in den Klassen und haben uns bewährt. Nicht mit den eigenen Maßstäben, nicht mit denen der Mitschüler oder gar unserer Freunde - sondern mit Leistungen. Leistungen, auch so ein Wort. Alles klar?

Klar, dass es den Lehrplan gibt, Zensuren, Zeugnisse, Durchschnitte, Bewerbungen, Konkurrenz. Es ist klar, wie sich das Leben abspielt. Schritt für Schritt. Unklar aber scheint zu sein, wie der erste Fuß gesetzt wird. Und vor allem: dass die Richtung dann feststeht. Der Schritt, die Kameraden danach zu beurteilen, wie sie ohne abzuschreiben das Testat schaffen, steht meiner Tochter jedenfalls unmittelbar bevor. Sie beendet bald die Vierte. Plötzlich reden Eltern, die seit Jahren, weder den Mund aufbekommen noch einen Finger rühren, wenn es um die Schule geht, vom Gymnasium. Sie reden von Leistungen. Wie gesagt, eine neue Zeit bricht an.

Und ich weiß, dass ich diese Zeit nicht aufhalten kann. Dafür mache ich folgendes: Ich spreche auch von Leistungen, aber meine etwas anderes. Abgesehen von ihren Zeugnissen, die voller Einsen sind, werde ich meine Tochter nicht vorzeitig aufs Gymnasium schicken. Abgesehen von der Langeweile, die sie in der Schule auch plagt, erkenne ich ihr Defizit: Es liegt in der sozialen Kompetenz, in der Fähigkeit, sich nicht hinters Licht führen zu lassen: in eben jenes Dunkel, wo das zensierbare Wissen die Leistung ist, und, wer sich durchs Leben schlägt, nichts kann. Es ist das Dunkel, in dem sich viel zu viele ihrer Mitschüler aufhalten.

Demnach wird meine Tochter an der Grundschule bleiben, wo Fähigkeiten nicht besonders gepflegt und Lernschwache nicht besonders gefördert werden. Sie wird weiterhin neben dem Jungen sitzen, dessen Eltern ihn am liebsten ins Heim verfrachten wollen. Sie wird mit Kindern zusammensein, deren Mütter kein Geld oder keine Lust haben, die Läuse von den Köpfen zu waschen. Die ihre Väter nur vor Gericht sehen. Eine Mitschülerin bekommt keinen fehlerfreien Satz zustande, kann aber Essen machen, weil sie seit Jahren für sich und ihre Geschwister kocht. Manches Kind streicht durch die Straßen und geht nach Hause nur, um zu schlafen. Andere sehen fern, bis tief in der Nacht die Eltern kommen.

Nur wenige in der Klasse meiner Tochter hat es noch nicht erwischt. Irgendwann aber kommen die heulend in die Schule - dann sind sie "auch geschieden". Die Kinder stellen die Stühle zu einem Kreis und geben sich Ratschläge. Immer mal wieder wird meine Tochter mich bitten, jemandem die Klassenfahrt zu bezahlen. Sie berichtet, was andere ausgeben und wann die Summe zusammengekommen ist. Vielmehr wird sie mir nicht erzählen.

Manchmal denke ich, sie schreibt, was sie bewegt, in den Computer oder in ein Tagebuch. Dann aber macht ihre Lehrerin eine verschwiegene Geste. Sie zeigte in die Klasse: "Hier erzählen sie sich alles." Und: "Wenn sie wüssten, was ich von dem Leben der Kinder weiß, würden manche Eltern in den Boden versinken." Vorerst wird es dazu nicht kommen, denn so lange sie können, halten Schüler und Lehrerin dicht und zusammen.

Kinder wie der Banknachbar meiner Tochter schreiben nicht nur ab. Sie lügen, klauen, prügeln. Neulich haben fünf Mädchen ein paar Jungs eingeladen, Erdbeermilch serviert und ihnen gesagt, wie doof sie sind. Es wurde laut, und dann haben drei Jungen geweint. Die Mädchen hielten sie im Arm. "Scheiß Eltern", sagte jemand.

An jenem Nachmittag ist die Zeit noch einmal kurz stehen geblieben. Sie an der Grundschule zu lassen, war wohl die letzte Entscheidung, die ich für meine Tochter nach meinen eigenen Leistungsmaßstäben treffen konnte. Jedenfalls ist sie in einen der drei Jungen verliebt. Natürlich hält das nicht lange: Es war seine Stärke, schwach zu sein, die sie fasziniert hat.

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