Berlin : Warum Jesus Christus kein Wunderheiler ist

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SONNTAGS UM ZEHN

Bevor der Priester die Kirche betritt, kommen seine Begleiter. Mit einem großen Kreuz und zwei Laternen schreiten sie feierlich vor Michael Dillmann in die Dominikanerkirche St. Paulus in Moabit. Dort wird jeder Sonntag mit einem festlichen Hochamt im traditionellen katholischen Stil begangen – mit Weihrauch und allem, was dazu gehört. Die große Kirche in der Oldenburger Straße ist gut gefüllt, der sichere Gesang der Gläubigen lässt vermuten, dass sie regelmäßig in die Kirche gehen.

Was nicht nur an der Form liegen mag. Der Gottesdienst ist sorgfältig vorbereitet. Die erste Lesung aus dem Buch Hiob (7,110), in der es heißt: „So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe“, wird mit einem Psalm beantwortet, der die andere Seite gläubigen Daseins repräsentiert. Dillmann singt aus Psalm 147 von Gottes gutem Waltern in der Schöpfung, und die Gemeinde antwortet: „Der Herr hat uns befreit, er schenkt uns neues Leben.“ Um die Befreiung von den Zwängen der äußeren Welt geht es auch in Evangelium und Predigt. Im Markusevangelium wird das erste öffentliche Auftreten Christi in Kapernaum beschrieben. Er heilt Kranke und treibt Dämonen aus, will sich aber nicht als Wunderheiler feiern lassen. Auf diesen Aspekt legt Dillmann, der Prior des Dominikanerklosters, zu dem die Gemeinde gehört, Gewicht. In seiner präzisen Predigt spricht er von öffentlicher Aufmerksamkeit und der Sehnsucht nach Anerkennung – und davon, dass Christus dieser entsagt, weil die Menschen um ihn herum allzu oft nur nach Sensationen suchen.

Die Dämonen werden so zur Metapher für menschliche Schwächen, es wird deutlich, dass es in Christi Wirken nicht um Exorzismus geht. Statt dessen werden die Ziele angesprochen, die sich jeder setzt. Gott braucht auch die Menschen, sagt Dillmann. Und das „ist keine Spinnerei, sondern Verheißung“ – und eine Chance auf ein Leben ohne Abhängigkeit vom Applaus. Wie im Markusevangelium, wo Christus lieber still in die anderen Dörfer geht, um zu helfen. rau

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