Berlin : Warum Katzen FDP wählen würden

Wolfram Siebeck

im Zwiegespräch mit seinem politischen Haustier Frau Hoffmann ist eine schöne Katze, aber manchmal denke ich, ein bisschen Eitelkeit würde ihrer Schönheit nützen.

Zum Beispiel wie sie jetzt in der Küchentür sitzt, bräsig wie Kohl und graziös wie Merkel. Das ließe sich doch verbessern! Aber sie denkt wohl nur an die Makrelen im Kühlschrank und wie sie seine Tür durch Hypnose öffnen kann. Darüber vergisst sie völlig, auf ihre Haltung zu achten. Wenn ihr Gesicht nicht von so unendlicher Schläfrigkeit gekennzeichnet wäre, könnte man vermuten, es gäbe für sie nichts anderes auf der Welt als die Fische im Gemüsefach. Wahrscheinlich ist es wirklich so, dass ihre Pfründe ihr wichtiger sind als das Verschwinden der Alpengletscher.

Aber ich habe sie wieder einmal unterschätzt. Sie verdreht das linke Hinterbein auf groteske Weise und fragt: „Wenn unsere transatlantische Freundschaft wieder so herzlich wird wie vor dem Einmarsch, besucht uns dann die schwarzweiße Mieze öfter?“

Über den amerikanischen Einmarsch im Irak ist sie so gut informiert wie über die Nistplätze der Amseln. Und mit der schwarzweißen Mieze ist Condoleezza Rice gemeint. Sie findet sie wunderbar, hält sie für eine verkleidete Katze. „Wenn die doch Kanzlerkandidatin wäre“, maunzte sie kürzlich, als Mrs. Rice im Fernsehen auftrat. Ich habe schleunigst das Fenster geschlossen. Auf der Straße wimmelt es von der schwarzen Mehrheit, die sich nichts Schöneres vorstellen kann als einen Kanzler namens Angie. Die will ich nicht unnötig provozieren. Der Knabe einer Nachbarin ist in der Schule verprügelt worden, bloß weil er Oskar heißt. (Unsere Nachbarschaft besteht aus Familien mit 3 Autos, 2 Kindern und 1 Konto in Luxemburg.)

„Und mindestens einem Hund“, setzt Frau Hoffmann hinzu, die sich wieder mal im Gedankenlesen übt. Ich nicke: „Und niemand redet davon, die Hundesteuer zu erhöhen!“ – Sie zuckt ärgerlich mit dem Schwanz: „Diese Regierung muss weg!“

„Jawohl!“, stimme ich ihr zu. „Oder eine höhere Mehrwertsteuer muss her; sofort!“

„Warum die?“

„Weil dann auch Hundefutter teurer wird. Und Hundeshampoo. Überhaupt alles, was ein Hund so braucht.“

„Wozu braucht ein Hund Shampoo?“

„Hunde müssen ab und zu zum Friseur, wo ihnen das Fell gewaschen wird.“

„Und warum wird ihnen das Fell gewaschen?“, fragt Frau Hoffmann, die ihr Fell selber wäscht und überhaupt sehr viel Zeit mit ihrer Körperpflege verbringt.

Eine schwierige Frage. Erkläre ich ihr, dass Hunde stinken, wenn sie nicht zum Friseur gehen, sind alle beleidigt, die auch nicht zum Friseur gehen. Sage ich aber, dass sogar ein Hund schöner aussieht, wenn er sich das Fell waschen lässt, ist Frau Hoffmann beleidigt, weil sie sich nie waschen lässt. Ich suche ein populäres Beispiel.

„Du siehst doch auch Wahlsendungen im Fernsehen. Fallen dir an den Kandidaten keine Veränderungen auf?“

Sie denkt nach. Das heißt, sie kratzt sich am Hals, putzt eine Pfote und bürstet ihren Schwanz. Dann sagt sie: „Claudia Roth hat neue Kleider.“

„Gut beobachtet!“, lobe ich sie.

„Und Lafontaine trägt keine Krawatte.“

„Richtig! Er solidarisiert sich mit den Unterschichten.“

„Gibt es davon mehrere?“

„Und ob! Häuslebauer, Pendlerpauschalisten, Schwarzarbeiter, Steuerflüchtlinge, Mautverweigerer...“

„Was verweigern die?“

„Steuern zahlen, wie alle: Autobahnsteuer, Erbschaftssteuer, Reichensteuer, Umsatzsteuer, Vergnügungssteuer, Ökosteuer, Einkommensteuer, Mehrwertsteuer, Kirchensteuer, Sektsteuer...“

„Hundesteuer...“, fällt sie mir ins Wort.

Typisch Katze. Während unsereins die Probleme der Gesellschaft im Auge hat, hofft sie nur, dass es den verhassten Hunden schlecht geht. Sie würde bedenkenlos FDP wählen, wenn dadurch das Hundefutter teurer wird.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Und ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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