Berlin : Warum quillt die Papiertonne immer über?

Mit Altpapier scheint sich viel Geld verdienen zu lassen, vermute ich angesichts der auffälligen Vermehrung der blauen Tonnen in meiner Gegend. Platzhirsch unter dem runden Dutzend der Anbieter ist die BSR-Tochter Berlin Recycling. „Was man in unsere Tonnen wirft, wird mit Sicherheit nicht verbrannt“, versichert Geschäftsführer Hanno Thielmann auch mit Blick auf wirtschaftliche Krisenzeiten, die sich auf dem Altpapiermarkt immer besonders früh abzeichnen. Auf dem Höhepunkt der Krise 2008 habe man für die Weiterverarbeitung sogar zahlen müssen. Momentan reißen sich diverse Papierfabriken um den Rohstoff – noch: Seit Oktober habe sich der zuvor immens hohe Ankaufspreis halbiert.

Zunächst rollen die Sammel-Lkw zu Sortieranlagen in den Außenbezirken: Veolia betreibt eine im Süden, Bartscherer im Norden, Alba im Osten. Dort wird gepustet und gesiebt. Größere Kartonstücke werden aufgespießt und so von den höherwertigen Zeitungen und Zeitschriften getrennt. Deshalb sollten Kartons für die blaue Tonne zwar flach gefaltet werden (so nehmen sie weniger Platz weg), aber nicht zerschnipselt. Und sie müssen trocken sein: Brei lässt sich nicht aufspießen. Nässe ist der größte Feind des Altpapiers, mehr noch als die Plastikfolien, in die beispielsweise die Post ihr wöchentliches Werbepaket „Einkauf Aktuell“ einschweißen lässt. Für die etwa drei Prozent „Störstoffe“ wie Folien, Kunststoffhefter und Ordner gibt es Helfer, Maschinen und Magneten.

Intakte Zellulosefasern lassen sich bis zu sechsmal recyceln, bevor sie regelrecht zu Staub zerfallen. Sie werden gewaschen, von den Druckfarben befreit und – sofern wieder „gutes“ Papier daraus werden soll – mit Kaolinschlamm geweißt. Pappkartons haben das nicht nötig. Der Trend gehe zum Karton, sagt Hanno Thielmann. Weil die Leute weniger Briefe schreiben und Zeitungen lesen, aber mehr im Internet bestellen.

Während der Inhalt der Berliner Papiertonnen größtenteils im Land bleibe, würden viele norddeutsche Pappen in Schiffe geladen, die auf dem Hinweg Waren aus Asien an Bord hatten. Die müssen schließlich ebenfalls verpackt werden. Und weil es mehr Weihnachtsgeschenke made in China gibt als Wald in Asien, ist Karton aus Europa auch dort gefragt. Sofern nicht gerade Krise ist.

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