Berlin : Was Alfred Kerr vor 100 Jahren über das neue Ladenschlussgesetz dachte

Lothar Heinke

Garantiert wird uns dieses Problem auch weit ins Jahr 2000 hinein, vermutlich sogar länger verfolgen - der Ladenschluss. Die einen wollen so, die anderen so. Vielleicht sollten alle, die mit diesem Thema befasst sind, lesen, was Alfred Kerr in seinen im Aufbau-Verlag erschienenen, viel gelesenen Briefen aus der Reichshauptstadt vor hundert Jahren zu diesem Thema zu berichten wußte.

Hintergrund war eine Neufassung der Gewerbeordnung, nach der den Läden eine werktägliche Schließung von 21 bis 5 Uhr verordnet wurde. Abhängig Beschäftigten sollte damals täglich eine mindestens zehnstündige Ruhepause gewährt werden. Was das in der Praxis bedeuten könnte, sah Alfred Kerr am Beispiel der Friedrichstraße so voraus: "Tiefen Eindruck macht der Gedanke, dass die Läden, welche gegenwärtig im Mittelpunkt alles menschlichen Interesses stehen - es lächelt der Commis, er ladet zum Kaufe - , bald um 9 Uhr alltäglich geschlossen werden sollen. Der Reichstag hat den Ladenschluß verfügt. Wie wird, so fragt man allgemein zitternd, die Friedrichstraße dann aussehen? Sie wird so aussehen, wie sie jetzt um elf aussieht. Nicht anders. In London die City ist stockduster nach Geschäftsschluß. Eine Gänsehaut überkriecht den Wanderer. Die Häuser machen einen so verstorbenen Eindruck. So wird es in der Friedrichstraße sein. Manche glauben, daß die Sittenlosigkeit dadurch wachsen wird. Heut, wo die Geschäfte das Licht spenden, wo es gar feenhaft-lieblich und recht zaubervoll glüht und gleißt und leuchtet vor Reklame, heut sind die Gesichter der Damen deutlich zu erkennen. Das hält die Tugend noch aufrecht. Wenn aber die Damen, welche dort spazierengehen, ihre Gesichter verstecken können im Dunkel, dann steigert sich die Verführung ins Maßlose. Allerdings könnte der Magistrat abhelfen durch die Befestigung zahlreicherer Lämpchen ..."

Hundert Jahre später gibt es in der neu gestalteten, immer beliebteren und belebteren Friedrichstraße, dieser modernen Einkaufsmeile in Mitte, zahlreiche Lämpchen, und die Geschäfte strahlen auch in der Nacht ihre Helligkeit auf leere Bürgersteige, so dass die Verführung in Maßen und die Tugend gewahrt bleibt.

Nur mit dem Hauptproblem, dem Ladenschluss, hapert es noch. Seit 1919, als der Acht-Stunden-Tag eingeführt wurde, blieben die Geschäfte ab 19 Uhr geschlossen. Vielleicht drehen wir im Jahr 2000 die Ladenschluss-Uhr einfach um hundert Jahre zurück und schließen die Läden wie damals - ab neun Uhr. Bis zu dieser Zeit soll es in der Friedrichstraße "gar feenhaft-lieblich und recht zaubervoll glühen"...

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