Berlin : Was aus Liebe werden kann

Susanne Juhnke ließ sich bei der Werbetour für ihr Buch auch bei „Beckmann“ in die Seele blicken: Das Ergebnis war große Schauspielkunst oder das Abbild einer raren Gabe

Elisabeth Binder

Liebe. Verantwortung. Dankbarkeit. Mitleid. Vier Begriffe, die ganz unterschiedliche Inhalte haben können. Susanne Juhnke nannte sie am Ende eines langen TV-Interviews auf die Frage des Moderators Reinhold Beckmann: „Was bleibt?“

Langsam sprach sie, nachdenklich: ein schöner und gefühlvoller Schluss, so schön, dass man sich fragt, ob er künstlich war. Schließlich war Susanne Hsiao, wie sie damals hieß, selbst Schauspielerin, vielleicht wäre sie groß herausgekommen, wenn sie nicht vor 32 Jahren für ihren Harald die eigene Karriere aufgegeben hätte. Neben Susanne Juhnke sitzt zudem Beate Wedekind, die geniale PR-Strategin, die das Erscheinen dieses Buches von gezielt platzierten Vorveröffentlichungen in ausgewählten Magazinen bis zu subtil lancierten Tränenausbrüchen so genial orchestriert hat, dass es ein professionell-ästhetisches Vergnügen ist, ihr dabei zuzusehen. Sie ist die Ko-Autorin zu dem Buch „In guten und in schlechten Tagen“, in dem Susanne Juhnke ihr Leben erzählt.

Wie sie am Montagabend über dieses Leben sprach, das wirkte durchaus verstörend. Man ist so gewöhnt an die Liebe der Talkshows, die ganz große, die vier Wochen dauert, die komplett überwältigende, glycerinfeuchte, die zwei Jahre währt, und die ewige, die die berühmten vier Jahre dauert, in denen nach manchen Forschungsergebnissen das Sexleben freiwillig knistert.

Die Liebe, von der Susanne Juhnke erzählte, ist eine andere, irgendwie hilflose. Eine Liebe, die nicht in diese Zeit passt, weil sie offen ist, nicht alles schon vorher weiß. „Was sollte ich fragen?“, fragt sie immer wieder, wenn es um die ersten Anzeichen der Alkoholkrankheit Harald Juhnkes geht, den diese Krankheit schließlich vor zwei Jahren in ein Heim für Demenzkranke gebracht hat. Später sagt sie: „Ich bin froh, dass mein Mann nicht weiß, wie es gekommen ist. Ich muss damit weiterleben.“ Und auf die viel beachteten Affären ihres Mannes angesprochen: „Ich musste nichts verzeihen. Was sollte ich verzeihen? Es hat mir nichts genommen.“ Es war für sie nicht wichtig. Wichtig sind normalerweise: Stolz und schnelle Reaktionen. Hier ist eine Frau, die versucht zu erfassen, was die schlechten Tage von ihr verlangen, die sich nicht in falschem Heroismus übt, die keinen Wert darauf legt, den herrschenden Standards von veröffentlichter Liebe zu entsprechen. Harald Juhnke war (und ist offenbar noch) ein über die Maßen charmanter Mensch. Schön zu erfahren, dass er offenbar echtes Glück gehabt hat mit seiner Frau. Bis zur Buchveröffentlichung ist sie immer so betont zurückhaltend aufgetreten, dass man sie kaum wahrgenommen hat.

Wie schrecklich manche Phasen ihres Lebens wirklich gewesen sein müssen, können sich vermutlich nur Menschen vorstellen, die Ähnliches durchmachen. Man sieht die Krankheit, die den nächsten Menschen, den man hat, im Griff hat. Man hofft und zittert, dass er sie besiegen möge. Eigentlich braucht man seine ganze Kraft dafür. Es kann einem auch nicht immer angenehm sein, vor Freunden und Bekannten zuzugeben, dass man nicht supertoll drauf ist wie alle anderen, sondern durch furchtbare Turbulenzen geht. Und dann kommt ein zusätzliches Kanonenfeuer, das eigentlich nicht nötig wäre. Dann kommen schreiende Schlagzeilen und zerren noch die hässlichsten Details vor ein Millionenpublikum. Sicher, es war bekannt, dass Harald Juhnke mit der Boulevard-Presse gerne kooperiert hat. Er war ein besessener Künstler, der seiner Kunst unbedingt Aufmerksamkeit verschaffen wollte, egal wie. Seine Frau war anders. Über die Reaktion nach einem Absturz 1996 schreibt sie: „Ein Sturm der Entrüstung tobte durch die Presse – meine Nerven lagen blank. Mit all dem Schmutz wollte ich nicht konfrontiert werden.“ Sie ist trotzdem geblieben. „In guten und in schlechten Tagen“, lautete ihr Eheschwur im Standesamt Wilmersdorf, Berkaer Straße. Das war am 8. April 1971, und eine Seite später schreibt sie: „Die Bedeutung dieses Schwurs war mir bei unserer Trauung nicht in ihrer ganzen Ernsthaftigkeit bewusst.“ Man könnte sagen, der Rest des Buches handelt von der Mühe, ihn sich bewusst zu machen. Der Anfang immerhin ist heiter, führt einen in die unbeschwerte Welt eines lebenslustigen jungen Mädchens aus bester Familie. Ihrem Vater gehörte das Prominenten-China-Restaurant Tai-Tung. Sie beschreibt, wie sie im Vorstellungsgespräch für ihren ersten Job beim Tagesspiegel Fragen nach dem Leitartikel des Tages beantworten musste. Am 1. April 1963 fing sie für ein Anfangsgehalt von 300 Mark monatlich in der Vertriebsabteilung an. Dort entdeckte sie Harry C. Suchland, der langjährige Werbechef dieser Zeitung, als Model. Auf der Titelseite der damaligen Illustrierten-Beilage des Tagesspiegels erschien ein Foto von ihr, auf das eine Schauspielagentur aufmerksam wurde. Der Weg führte weiter in die Studios von Horst Wendlandt und Artur Brauner und auf die Bühne des Renaissance-Theaters, dann zu einem gemütlichen Beisammensein mit dessen Ensemble und Harald Juhnke im „Diener“ in der Grolmanstraße. Es kommen später auch gute Zeiten zur Sprache, Reisen in elegante Hotels, schöne Feste.

Natürlich zielten manche Fragen von Reinhold Beckmann indirekt auf den Verdacht, ob sich da eine Frau bereichert am Schicksal ihres Mannes. Das ist nun mal die Art, in der in dieser Gesellschaft gedacht wird: Zuerst ans Materielle, dann lange an gar nichts. Die Hoffnung, dass es noch etwas anderes geben könnte, bleibt trotzdem erlaubt. Ob der Auftritt nun Beate Wedekinds Werk war oder echt, geht uns im Grunde nichts an. Es war in jedem Fall sehr verdienstvoll von Herrn Beckmann, dass er mal wieder ein Special gemacht hat zum Thema „Liebe, die Urfassung“. (Möglicherweise.)

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