Berlin : Was den ehedem ostdeutschen Wohlfahrtsverband von anderen unterscheidet

Thomas Loy

Der Spandauer Witwen-Tisch ist sich einig. "Total abgedroschen" sei die Partymusik, empört sich die rotbäckige Frieda, heute mit gelbem Propeller und Maushütchen dekoriert. Tschingderassabumm oder den Klingelingeling-Eiermann muss sie sich mit achtzig Jahren wirklich nicht mehr antun. Der DJ, ein hagerer Herr im blau-rot gestreiften Pullover, ist nur der Ersatzmann und hat es einfach nicht drauf. "Das spielt er jetzt schon das vierte Mal", meckert Annemarie, die ihr Alter nicht verrät, über Altersgenossinen aber genussvoll beißenden Spott ausschütten kann. "Das soll hier Fasching sein."

Vor einer halben Stunde hätte sie es mal mit einer Polonaise versucht, aber "die anderen kriegen die Beine ja nicht hoch." Das nächste Mal werden sie eigenmächtig einen Straßenmusikanten engagieren und Samba tanzen, bis die Fetzen fliegen. Die Witwen lachen, aber mit Annemarie ist in Fragen professioneller Unterhaltung nicht zu spaßen. Die glasklare Mängelanalyse kurz vor Abbruch des zum Fasching aufgemotzten Kaffeenachmittags im Spandauer Seniorenclub Lindenufer: Herzlich ist sie, die große Gemeinschaft der Volkssolidarität (VS), aber es fehlt ihr noch der richtige Pep.

Zehn Jahre nach der Wende und 55 Jahre nach ihrer Gründung ist die größte Wohltätigkeitsorganisation der DDR im Westen angekommen. Spandau stellte 1997 den ersten Bezirksverband auf ehemals West-Berliner Terrain auf die Beine. 100 Mitglieder werden inzwischen gezählt, Tendenz steigend. Senioren in westlichen Randbezirken wie Reinickendorf oder Neukölln haben sich den VS-Verbänden ihrer östlichen Nachbarbezirke angeschlossen. 1999 konnte der Berliner Landesverband zum ersten Mal ein positives Saldo verbuchen. 1300 Zugängen standen 1231 Abgänge gegenüber.

Das DDR-Image hängt der Volkssolidarität im Westen immer noch an. "Inzwischen hat sich das relativiert. Wir waren schon immer parteiunabhängig und deshalb unbelastet, als die Wende kam", sagt Landesgeschäftsführer Peter Stawenow. Doch 1990 spielte dieser Startvorteil noch keine Rolle. Wie die übrigen Massenorganisationen litt die VS unter Massenaustritten und allgemeiner Unlust, sich zu engagieren. Von 165 000 Berliner Mitgliedern waren bis 1994 nur 42 000 übrig geblieben.

Überall fehlte es am Geld, und die Konkurrenz sozialer Träger und Wohlfahrtsverbände aus dem Westen bestellte das brach liegende Feld. Sozialstationen und Pflegedienste wurden gegründet, Altenheime gebaut. Doch über den Segnungen der sozialen Marktwirtschaft wurde das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Geborgenheit vernachlässigt. Genau das ist aber die Stärke der VS.

Im Angebot sind Spielenachmittage, Häkelklubs, Tanzcafés, Wanderungen, Grillfeste und - in dieser Form konkurrenzlos - die "Frühlings- und Herbsttreffen", Reisen mit Tausenden von Teilnehmern nach Griechenland oder an die Ostsee. Mit Ostalgie habe das nichts zu tun, versichert Sprecher Mario Zeidler, eher mit dem Kampf gegen "Kälte und Werteverfall." Die VS ist zwar überparteilich, aber nicht unpolitisch. Gegen Sozialabbau, Rentenkompromiss und BVG-Fahrpreiserhöhungen lässt sie regelmäßig Rentner am Brandenburger Tor aufmarschieren. Die VS versteht sich als politische Interessenvertretung der Senioren.

Die Spandauerinnen sind politisch weniger engagiert, dafür umso vergnügter. "Die Männer sind alle gestorben. Da will man nicht zu Hause bleiben", sagt Annemarie. Zur VS kam sie, um "mal was anderes auszuprobieren." Vorher war sie bei der Lebensabend-Bewegung dabei, aber "die wollten uns vorschreiben, was wir zu machen hatten." Nicht mit Annemarie. Kurz vor der "silbernen Nadel" für zehnjährige Mitgliedschaft suchte sie das Weite.

Auch Frieda hat so ihre Erfahrungen gemacht - bei der SPD-nahen Arbeiterwohlfahrt (AWO). "Meine Gruppe war ein reiner Saufverein." Das übliche Soll: acht Fläschchen Kümmerling. Zudem herrsche bei der AWO "totale Cliquenwirtschaft", ergänzt Annemarie, die nur "dreimal mitgegangen" ist. "Da wurden immer Plätze besetzt gehalten." Bei den VS-Fahrten treffe man dagegen "nette Leute aus Pankow oder Potsdam" - sympathisch und ohne Dünkel. Die letzte Reisegruppe nach Baden bei Wien sei ein "dufter Bus" gewesen. Dann schaut sie sich wieder zum Nachbartisch um: "Aber wenn wir nicht hier wären, wäre gar nichts los."

Dieser Satz gilt auch für Werner Gehrmann, der den Bezirksverband mit aufgebaut hat. Von den Damen wird der 69-Jährige als "sehr rührig" gelobt. Gehrmann, ehemaliger "Quarzschmelzer", suchte nach der Auflösung der VS in West-Staaken ein neues soziales Zuhause, trat in die Spandauer AWO ein und bald wieder aus. Nicht, dass er den Alkohol nicht vertragen hätte. Ihm waren die klugen Reden der SPD-Leute auf den Magen geschlagen. "Die wollten mir erzählen, wie es in der DDR war." Das hatte seine West-Verwandtschaft zu DDR-Zeiten schon immer versucht. Gehrmann ist PDS-Mitglied, "aber das spielt keine Rolle".

Schon damals nicht, als er noch im Staakener Gemeinderat saß. Als Rentner mit eigenem Haus, der finanziell gerade so hinkommt, könne er sich auch ohne Parteibuch über schreiende Ungerechtigkeiten wie etwa das deutsche Rentensystem aufregen. "In der Schweiz muss jeder einzahlen, auch der Bankdirektor." Oder über das taktische Heimlichtuen bei der Gehaltszahlung. "Teile und herrsche. Bei uns gab es sowas nicht. Da wusste jeder, was der andere verdient." Oder über die angeblichen Geldwäsche-Machenschaften im Staakener Volkshaus, das er in den 50er Jahren eigenhändig mitaufgebaut hatte. "Nach der Wende war das nur noch eine Absteige."

Gehrmanns Trauer um die DDR schimmert durch jeden Satz, aber er trauert nur als Mensch, nicht als VS-Vorsitzender. Seine Position verlangt Diplomatie. Sein Bruder in Hannover verstehe gar nicht, wie man sich ehrenamtlich engagieren könne, ohne je Geld dafür zu sehen. "Da habe ich ihm erzählt, dass es zwölf Millionen Ehrenamtliche in Deutschland gibt, in den USA sogar noch viel mehr". Da war ihm so nebenbei mal was Positives über den Westen herausgerutscht.

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