• Was die Berliner Museen ihren Gästen bieten, ist Provinzniveau, das Sparta der Gegenwart

Berlin : Was die Berliner Museen ihren Gästen bieten, ist Provinzniveau, das Sparta der Gegenwart

Bernd Matthies

Tiergartenstr. 6 im Kunstgewerbemuseum, 10785 Berlin-Tiergarten, geöffnet: warme Küche täglich außer montags von 11.30 bis 16 Uhr, Kreditkarten: keine AngabenBernd Matthies

London, du hast es besser. Zum Beispiel in der Tate Gallery, zu der ein sehr gutes Restaurant mit fulminantem Weinangebot gehört. Im New Yorker Metropolitan Museum läßt es sich gepflegt essen. Im dänischen Louisiana-Museum, nicht weit vom kulinarisch eher anspruchslosen Kopenhagen, gibt es ein ansprechendes SB-Restaurant. Selbst die Stuttgarter Staatsgalerie bietet feine Spezialitäten, das Münchener Lenbachhaus ist für Kuchen und Salatbuffet berühmt, in der winzigen Emdener Kunsthalle gibt es appetitliche Fischgerichte . . . Berlin dagegen bleibt Berlin: Der Museumskomplex am Kulturforum besitzt eine Kantine. Sie schmückt sich mit dem auch nicht wesentlich kleidsameren Namen "Cafeteria" und ist so anheimelnd gestaltet wie der Umkleideraum einer Sporthalle. Während man in der Schlange steht, mittags eine halbe Stunde oder länger, meint man auf berlinisch die Stimme der Verantwortlichen zu hören: Wenn ihn det nich paßt, könnse ja woanders hinjehn!

Aber wohin? Museum in Berlin, das Sparta der Gegenwart. Alteingesessene Kenner erinnern sich daran, daß es im Keller der Neuen Nationalgalerie einst ein Automatenrestaurant gab, ideale Verkörperung des Prinzips "Nichts darf von den Wundern der europäischen Kunstgeschichte ablenken". Hauptsache, es verhungert keiner vor dem Mann mit dem Goldhelm. Das ist heute nicht viel besser: Maßgeblich ist jene Geisteshaltung, die müde Besucher auf nur als Design-Ikonen brauchbare Mies-van-der-Rohe-Sessel nötigt, und man darf annehmen, daß in den Archiven spinnwebüberzogene Kunsthistoriker über die Warteschlangen feixen: gerechte Strafe für fleischliche Versündigung gegen den Geist der Kunst!

Das Essen selbst? Denken Sie sich, was auf den Karten aller Kantinen dieses unseres Landes steht, und Sie werden es auch am Kulturforum finden: Lasagne und Bami Goreng, Königsberger Klopse und Matjes, Bouletten und Hähnchenbrust, allmählich aushärtend unter Wärmebrücken, über Wasserdampf oder in der Mikrowelle, während die Gäste schafsgeduldig von einem Bein aufs andere treten. Bami Goreng ist also ein fettes, handwarmes Glasgenudel; ansprechender und recht vielfältig bestückt fällt dagegen das Salatbuffet aus. Die marinierten, an geschmorte Radiergummis erinnernden Hühnerherzen darauf sollte man allerdings unbedingt meiden. An den Tischen dominiert der zweckmäßige Ton: "Kann det hier weg?" Ja, kann weg. Dort, wo eigentlich noch ein richtiges Restaurant hin sollte, vor dem Eingang, steht eine Art postmoderner Biergarten. Kenner der öffentlichen Finanzen meinen: Der bleibt da bis 2010.

Es muß doch noch was anderes geben. "Kunst, Küche und Fantasie" hieß das Motto im Gropiusbau - der aber wird umgebaut. Außer Fantasie ist nichts geblieben. Alte Nationalgalerie: auch wegen Umbaus geschlossen. Das winzige Café in der Neuen Nationalgalerie ist witzlos. Ein interessanter Kandidat für höhere gastronomische Weihen wäre der Hamburger Bahnhof, vor nicht allzulanger Zeit mit viel Brimborium weltweit in Szene gesetzt und weit von jedem anderen Restaurant entfernt. Sollte die Welt dieser Tage vorbeikommen, würde sie über Kisten stolpern und über ein ungemütliches Café, das mit Hinweis auf den Umbau ein "eingeschränktes" Programm anbietet: Kaffee und Kuchen. Und das, obwohl durchaus viele Besucher im Haus sind.

Das Pergamon-Museum! Gipfel abendländischer Kultur, Drei-Sterne-Touristenziel! Bitte? Nichts? Nicht mal altgriechisches Tsatsiki? Ach so: Das Café liegt im Seitenflügel links vor dem Eingang. Es verströmt schnittfesten Kneipenmuff und bietet das passende Bockwurstprogramm. Das Alte Museum ist im Vergleich ein Lichtblick, weil es über eine helle, freundliche Café-Bar verfügt. Aufgetischt werden auch nur Kuchen und belegte Brote; Weltniveau ist damit schwer zu erreichen. Endlich: Das Deutsche Historische Museum. "Café Zeughaus" heißt das Bistro, und es besticht durch eine absolute Rarität in Berliner Museen, nämlich Bedienung. Man kann am Tisch Platz nehmen und sich biedere Bistro-Kost herantragen lassen, Broccoli, Blumenkohl, den obligatorischen Schafskäsesalat. Hier wie an den anderen Orten ist unklar, wie die Rahmenbedingungen aussehen - es wäre unfair, die ganze Tristesse den Pächtern anzulasten.

Was die Berliner Museen ihren Gästen bieten, ist Provinzniveau, Emden für Anspruchslose, ohne Fisch. Wird der Bundeskulturminister das ändern? Und auch das noch: Durch die Stadt geistert das Gerücht, die reichstagsnotorische Firma Käfer versuche, diese Betriebe unter Kontrolle zu bekommen. Es kann nur besser werden.

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