Berlin : Was die Bonner so alles an und in Berlin finden: "Das ist ja wie in B."

Elisabeth Binder

Das Kompliment des Abends beim ZDF-Sommertreff: "Das ist ja wie in Bonn". Dabei gab es bei der großen Party unter vom Brand noch rußgeschwärzten Fenstern einige Indizien dafür, dass es hier doch anders ist. Beginnen wir einmal mit der Anfahrt; Tempelhof Süd als Symbol für die Stadt der weiten Wege. Davon braucht sich die mit Chauffeuren komfortabel ausgestattete und auch sehr reichlich vertretene Politiker-Prominenz nicht weiter berühren zu lassen, aber auf so einen BVG-fahrenden Regierungsdirektor kann die Distanz schon ganz schön abschreckend wirken. Trotzdem sagte im Bus dorthin der eine Beamte zum anderen: "Ich bin froh, dass ich aus Bonn weg bin". Da reibt man sich doch unwillkürlich die Augen.

Die Bonner mögen von der schieren Anzahl her gesehen die Stadt nicht dramatisch verändern. Aber sie wirken doch wie eine Initialzündung. Stehen gewissermaßen symbolisch für den Wandel, der jetzt an Schwung gewinnt und ganz offensichtlich euphorisierend wirkt. Rund 2000 Gästen flanierten auf dem weitläufigen Gelände, umsummt von Songs wie "Wunder gibt es immer wieder", vorbei an den spektakulären Interconti-Büffets, die, wie ZDF-Intendant Dieter Stolte in seiner angenehm kurzen Begrüßungsansprache verkündete, nicht den Gebührenzahlern zur Last gelegt, sondern von Sponsoren finanziert werden. Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer bekundet zwar jede Menge basisdemokratisches Verständnis für all diejenigen ihrer Bonner Mitarbeiter, die sich am Rhein wohler fühlen, verbirgt aber auch nicht ihre Begeisterung darüber, endlich ganz in Berlin zu sein. Anders als in Endenich, "kann man sich hier auch mal rasch zum Mittagessen verabreden". Sie genießt die Auswahl der Lokale rund um den Gendarmenmarkt und die neue Beschaulichkeit Kreuzbergs, das seinen einstigen Hip-Status ja schon lange an Prenzlauer Berg abgegeben hat. Von den positiven Ambiente-Aspekten abgesehen, sieht sie keine gewaltigen Unterschiede: "Bonn hat sich irgendwie mitgenommen."

Umweltminister Jürgen Trittin, den Kopf voll mit der anstehenden Leuchtenmontage in seiner neuen Wohnung, outet sich als kritischer Feinschmecker und Renate Künast als Gelegenheitszigarrenraucherin. Es sind noch mehr Minister da, aber auch Oppositionsgrößen wie Wolfgang Schäuble. Show und Schauspiel sind unter anderem vertreten durch Cherno Jobatay, Heinz Drache und natürlich Brigitte Mira. Zwischen so vielen fröhlich plaudernden Menschen spaziert stillvergnügt der Dienstleistungsunternehmer Hartwig Piepenbrock einher und freut sich über seine beizeitige Entscheidung nach Berlin umzuziehen: "Ich genieße es von Tag zu Tag mehr."

Was neu wirkt in Berlin, ist die lässig plaudernde Präsenz eines Bundeskanzlers auf einer ganz normalen Party. Zu viele (Mauer-)Jahre lang, war jeder Auftritt eines Regierungschefs eine politische Geste für die Westbindung der Stadt und insofern mit einer gewissen angespannten Erwartungshaltung besetzt. Um uns an die neue Zeit zu gewöhnen, gucken wir beim allgemeinen Torwandschießen mal zu, wie Erfolgsmenschen, (und ein solcher ist, von der Tagesaktualität einmal abgesehen, Gerhard Schröder ja), mit Herausforderungen umgehen. Er kündigt also drei Schüsse an und trifft unter tosendem Beifall beim dritten Mal. Anstatt es bei diesem Triumph bewenden zu lassen, probiert er es nochmal, trifft prompt wieder, woraufhin ihn das begeisterte Publikum in "Ziege" umtauft. Erst nachdem er mit den beiden nächsten Versuchen gescheitert ist, gibt er auf. Damit kann er zwar nicht mehr mit einem triumphalen Schlusspunkt abgehen, scheidet aber trotzdem als Sieger gegen die beiden ehemaligen Minister Rudolf Seiters und Rupert Scholz, die jeweils nur einmal trafen. Noch rasch ein Autogramm zugunsten der Erdbebenopfer und dann los zum nächsten Termin. Auf die engen Zeitpläne bezogen passt das "wie in Bonn" bestimmt.

Ansonsten war die lange, warme Spätsommernacht in jeder Hinsicht "wie in Berlin". Frage eines Bonners an den Berliner, ob er das nicht toll fände, jetzt so schöne Feten hier zu haben, antwortet letzterer ganz cool: "Sowas haben wir hier schon immer gehabt." Stimmt, im letzten Jahr gab es in eisiger Luft die Generalprobe. Jetzt allerdings sind die Scheinwerfer angegangen.

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