• WAS DIE ELTERN SAGEN Luxus Kitaplatz? Eltern empört über Gebührenerhöhung Weil vielen Familien 500 Euro im Monat zu teuer sind,

Berlin : WAS DIE ELTERN SAGEN Luxus Kitaplatz? Eltern empört über Gebührenerhöhung Weil vielen Familien 500 Euro im Monat zu teuer sind,

denken sie jetzt über private Betreuung nach

Claudia Keller

GABRIELA LANGE

Fürchterlich, dass gerade bei den Kleinen gespart wird.

Aber auf die Vorzüge einer Kita will ich nicht verzichten.

SUSANNE HINRICHS

Derzeit zahlen wir 90 Euro, künftig 200! Aber wir können es uns nicht leisten, unser Kind aus der Kita zu nehmen.

JASMIN GONG

Unsere Kita ist sehr gut. Ich verstehe aber, wenn Eltern ihre Kinder jetzt privat betreuen lassen.

Fotos: Thilo Rückeis

Berlins Eltern sind wütend. Seit der Senat beschlossen hat, die Kita-Gebühren zu erhöhen, stehen bei den Elternvertretungen die Telefone nicht mehr still. Viele berufstätige Mütter, die dazuverdienen, stellen fest, dass sich das Arbeiten für sie künftig nicht mehr lohnt, weil ihr Gehalt bei den neuen Beiträgen fast vollständig für die Betreuung draufgeht. Etliche, die auf den Beruf nicht verzichten wollen, überlegen nun, die Kinder aus den Kitas herauszunehmen und nach privaten Betreuungsmöglichkeiten zu suchen.

Maria L. zum Beispiel arbeitet als Pressesprecherin. Sie und ihr Mann verdienen zusammen 90000 Euro brutto im Jahr. Der Sohn geht nach der Schule in einen Hort in Friedenau. Dafür zahlte sie bisher 150 Euro, in Zukunft käme sie auf das Doppelte. Auch das könnte sie sich leisten. Aber das Preis-Leistungsverhältnis stimme nicht mehr: „Ich wäre ja verrückt, wenn ich für drei Stunden nachmittags 300 Euro zahle.“ Wenn die Schulen demnächst bis 14 Uhr für die Kinder geöffnet sind, will sie sich mit anderen Eltern um eine private Nachmittagsbetreuung kümmern. Die Gebührenerhöhung des Senats führt ihrer Meinung nach „nur zu mehr Schwarzarbeit von Tagesmüttern.“

Eine andere Mutter zahlt für die Tagespflege ihrer drei- und einjährigen Kinder bisher jeweils 113 Euro. Künftig wird das 295 Euro pro Kind kosten, denn die Tagespflege-Gebühren werden wie die für die Kitas angehoben. Weil sie zwei Kinder hat, muss sie nur 80 Prozent des neuen Beitragssatzes zahlen, das heißt 236 Euro pro Kind. Sie und ihr Mann kommen zusammen auf ein Haushaltseinkommen von 65000 Euro. Ihre freiberufliche Arbeit als Ergotherapeutin bringt aber nur 600 Euro netto ein – so viel wie die Kinderbetreuung kosten wird. Da die Familie eine Wohnung abbezahlt, bleibe am Monatsende trotz des relativ hohen Einkommens nicht viel übrig. „Wir werden nichts erben. Die Wohnung ist die Altersversorgung.“ Die Wilmersdorferin überlegt nun, ob sie nicht besser zuhause bleiben und auf die Kinder aufpassen soll. Aber die Arbeit ist für sie kein Job, sondern Herzenssache. Außerdem findet sie, dass Kinder schon früh mit anderen zusammen sein müssten, damit sie sich sozial entwickeln.

„Gerade kleine Kinder brauchen mehr Anregung, als sie die Eltern zuhause bieten können“, sagt Heike Pantelmann, als sie ihren vierjährigen Sohn aus einer Kita in der Pfalzburger Straße abholt. Dort gibt es schon für die Kleinen Englischkurse. Ein krasser Widerspruch ist für sie, dass einerseits nach Pisa eine breitere frühkindliche Erziehung gefordert werde, andererseits die Einrichtungen dafür immer teurer werden. „Zähneknirschend werden wir die Erhöhungen hinnehmen“, sagt sie. Denn auch wenn künftig ihr Stipendium für die Doktorarbeit komplett an die Kita geht, wird sie nicht auf das Arbeiten verzichten. Dazu ist es ihr zu wichtig.

Klaus-Dieter Hinkelmann vom Landeselternausschuss kann die Klagen verstehen: „Das sind alles Durchschnittsverdiener“, sagt er, „für die sind 100 Euro mehr im Monat zu viel.“ Denn viele Familien, auch wenn sie mittelmäßig verdienen, kommen netto auf nicht mehr als 1500 Euro. Das Land verlangt künftig im Höchstfall für einen Krippenplatz 509 Euro. Hinkelmann prophezeit, dass das Hausmädchen wieder modern werde. Für den 20. September ruft er zum Demonstrieren vor dem Roten Rathaus auf.

Ein Vater, der sein Kind in der Pfalzburger Straße abholt, sieht das anders. Er hält die Erhöhung für gerecht, obwohl er selbst künftig statt 184 Euro über 200 Euro zahlen muss. Die Stadt sei pleite und der Städtevergleich zeige, dass die Berliner Kitas immer noch billiger sind als anderswo. Auch die Einkommensstaffelung findet er richtig. Ärgern kann er sich nur über jene Reichen, die zwar über jeden Euro für die Kita jammerten, aber sich dicke Auto kauften.

GABRIELE RUPP

Die mittleren Einkommen trifft es heftig. Für 500 Euro suchen wir lieber mit anderen Eltern eine private Betreuung.

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