Berlin : Was Diplomaten wirklich wissen wollen

Elisabeth Binder

Im Sonderzug ICE 1 werden Croissants serviert; Hände schüttelnd gehen Bundespräsident Johannes Rau, Staatssekretär Rüdiger Frohn und der Protokollchef des Auswärtigen Amts, Busso von Alvensleben, durch die Reihen. An Bord sind 105 Botschafter. Noch steht der Zug in Spandau, man lässt sich Zeit mit der Abfahrt. Beim jährlichen Ausflug, zu dem der Bundespräsident das Diplomatische Corps einlädt, ist der Weg das Ziel. Es geht vor allem um Begegnungen, Gespräche, auch um Imagewerbung für ein (gast)freundliches Deutschland. Diesmal soll die Fahrt ins Volkswagenwerk nach Wolfsburg führen. Im Zug ähnelt die Stimmung der beim Wandertag einer Schulklasse. "Bei uns zu Hause gibt es so viele kleine Parteien", erzählt der Botschafter von Bangladesch, "dass wir manche Volkswagen-Parteien nennen: zwei sitzen vorn, zwei hinten." Gelächter ringsum. So ein Klassenausflug bietet ein willkommenes Gemeinschaftserlebnis. Es ist in anderen Ländern keineswegs selbstverständlich, dass ein Staatsoberhaupt sich Zeit für derlei Touren nimmt. Johannes Rau indes freut sich über das "hervorragende Echo", interessiert sich, was die Botschafter bewegt, und wirbt im Laufe des Tages immer wieder dafür, dass die Vereinten Nationen eine starke Weltordnungsmacht werden müssten. Kein Zweifel, dass dieser Tag in den Berichten an die 105 Heimatregierungen eine Rolle spielen wird.

Dass sich natürlich auch die Industrie den Ländern präsentieren will, ist klar, aber jeglichen Anschein von Kaffeefahrt übersprudeln die Botschafter mit ihrer Ausgelassenheit. Kurz nach dem Start wird die Technik des ICEs erläutert, "auf besonderen Wunsch der Deutschen Bahn", dann gibt es einen kleinen Ausblick auf die Wunder, die am Ziel warten: 50 Millionen Autos sind da vom Band gelaufen. "Warum haben die Deutschen sowohl gute Ingenieure als auch gute Künstler hervorgebracht ?", fragt der Botschafter von Bangladesch. Die Umsitzenden philosophieren Antworten zusammen.

Damit man einander besser verstehen könne, müsse man mit wacheren Augen sehen und sensibler zuhören, sagt Johannes Rau beim Mittagessen im Wolfsburger Ritz Carlton, sonst habe man immer nur eine Fata Morgana vor sich. Als Gastgeschenk gibt VW einen Scheck über 5000 Euro für die Berliner Bahnhofsmission. "Mission de gare? Was ist das?", fragen einige Botschafter. Die vielen lustigen Spielereien in der Autostadt, die gelenkigen Roboter in den weiten Hallen des Volkswagenwerk lenken von dieser Frage bald wieder ab. Als man sich gegen Abend wieder niederlässt im Sonderzug, ist die Stimmung noch gelöster.

Es sind im Vergleich zum Vorjahr weniger Exzellenzen geworden, die später noch weiter nach Bonn fliegen müssen. Knapp dreißig Botschaften sind noch am Rhein verblieben, aber die Missionschefs dort haben Probleme, weil sie weitab sind und das Pendeln teuer ist, weiß Issa Kpara aus Benin. Der neue kenianische Botschafter, Frost Josiah, dessen Vorgänger im letzten Jahr noch weiter an den Rhein fliegen musste, residiert inzwischen in Berlin. "Manches könnte einem einfacher gemacht werden", sagt er. Es sei doch ein bisschen schwierig, seine Wege zu finden. Guides wären gut. "Nur Darlehen, die werden einem immer sofort angeboten." Zusammen mit seinen ebenfalls ganz neuen Kollegen aus Ägypten und Bosnien tauscht er Tipps aus.

Was Botschafter wirklich interessiert: Welcher Club ist am geeignetsten, um die richtigen Leute zu treffen? Welcher Sportclub ist am effektivsten und angenehmsten? Wie nützt man beim Autokauf Steuervorteile aus? Bei all den schönen Eindrücken aus dem VW-Werk, stehen die Botschafter fest zu ihren Mercedes-Dienstwagen. Die Exzellenz aus der Mongolei erwähnt zwar den Volkswagen-Bus der Mitarbeiter, der bolivianische Botschafter schwärmt von privaten Volkswagen, und auch in der Botschaft von Lesotho schwirrt ein VW herum, aber wie deren Botschafter sagt: "Man möchte ja nicht der Außenseiter sein." Schon geht es wieder um Einkaufstipps. Die vielen internationalen Einkaufsmöglichkeiten in Berlin sind ein Fortschritt im Vergleich zu Bonn, sind sich die Botschafter einig. Noch etwas eint sie, je näher es auf die Hauptstadt geht, unabhängig von aller Politik: Die Parkgenehmigungen sind eine Katastrophe. In Sarajewo, in Nairobi etc., ja, da gehe es trotz widrigster Platzverhältnisse großzügig zu. Wen kann man deswegen kontaktieren? Ein weiterer Grund, demnächst mal wieder essen zu gehen, um sich über mögliche Fortschritte auszutauschen. Die Frage der gerechten Parkplatzverteilung, so wirkt es zeitweise, könnte im Mikrokosmos Berlin die ganze Welt vereinen. Anwohner vielleicht ausgeschlossen.

Kurz bevor der Zug im Bahnhof Spandau einfährt, erzählt Ashfaqur Rahman aus Bangladesch von seinen Eindrücken im Autowerk: "Es war so unglaublich ruhig dort und so sauber." Insgesamt "ein sehr fruchtbarer Tag: sowas ließe sich auch fünfmal im Jahr aushalten".

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