Berlin : Was für ein Glück, hier zu sein!

Was, Sie haben den Sommer nicht in Berlin verbracht? Na, da haben Sie aber Pech gehabt. Da haben Sie ja richtig was verpasst. Denn Hoch Michaela tauchte die ganze Stadt für ein paar Wochen in gleißendes Licht

Lorenz Maroldt

So genau ist heute nicht mehr zu sagen, was es eigentlich war. Vielleicht der Mond, der hinten bei Treptow hoch schlich in den tiefblauen Himmel; vielleicht die Oberbaumbrücke, wie sie Kopf stand auf der träge gleitenden, glitzernden Spree; ein leises Lachen aus dem Liegestuhl rechts, ein warmer Hauch links, ein Zischen, ein Knistern, ein Rascheln – nichts Besonderes also, an und für sich. Aber alles zusammen macht plötzlich Klick: Wow! Was für ein Sommer. Was für eine Stadt. Was für ein Glück, hier zu sein.

Es soll Leute geben, die gestöhnt haben unter vermeintlicher Hitze, die sich entweder selbst oder das Hoch Michaela oder die ganze Stadt weggewünscht haben. Ich habe jeden Tag nur genossen – und keinen Moment bereut, den ich hier war und nicht in Paris, Madrid oder Rom; oder noch schlimmer: an irgendeinem Strand im Süden. Wir hatten ja alles hier, was man braucht: laue Nächte, die sich durchpflügen lassen; Sand in der Stadt, im Regierungsviertel, gegenüber vom Dom und hinter den bunten Resten der Mauer. Stege am Schlachtensee, in Grünheide, bei Potsdam. Promenaden: gegenüber dem Kanzleramt, am Kastaniengarten, beim Osthafen bei Universal. Terrassen: gehört dieser Himmel wirklich Berlin?

Die Stadt hat ein zweites Gesicht. Komischerweise sehen Fremde dieses zweite Gesicht immer als erstes. Vielleicht, weil es das einfachere und zugleich schönere ist. Wir Berliner sehen das zweite Gesicht nur ganz selten, wenn überhaupt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir immerfort hören und sehen, was alles nicht läuft und nicht geht in der Stadt, bis wir dann glauben, dass es tatsächlich so ist. So wird man blind für das eigentliche Berlin. Man benutzt es. Aber man genießt es nicht richtig, hat es zu schätzen verlernt oder es gar nie richtig geschätzt, nur hingenommen, als wäre es selbstverständlich. Das ist jetzt doch anders geworden.

Bisher galt der Frühling für mich als die schönste Zeit in der Stadt. Jetzt ist es der Sommer: freier in jeder Hinsicht. So draußen, egal wo und wobei. Romantisch, gemütlich, aufregend, spannend, süß, frisch und lustig. Anderen ging es genauso, das war zu sehen und zu spüren, und das steckte an. Wie reich wirkte plötzlich die arme Stadt!

Es ist nicht vorbei jetzt, und doch wird es anders, normaler. Die Ferien enden, Hoch Michaela ist weg. Noch einmal hat es gefunkt, Freitagnacht, auf der Museumsinsel. Rot angeleuchtet die Alte Nationalgalerie, Calexico auf der Bühne, eine Stimmung wie – in Berlin? Eigentlich nicht, noch nicht; zu schön, um so zu sein, und doch…

Wir heißen willkommen all jene, die anderswo waren. Wir haben sie schon ein bisschen vermisst. Na ja. Sie werden nicht glauben, wie herrlich es war in Berlin, weil sie denken, wir wären bloß neidisch auf schmutzige Strände, auf ganz enge Reisen und arg fremde Betten, auf schlaffe Drinks und teewarmes, algiges Wasser. Wir lassen sie in diesem Glauben. Was sonst? Diese Stimmung hier lässt sich ja nicht einfach mal so erklären. Man muss sie doch schon erlebt haben. So wie wir.

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