Berlin : Was für ein Rummel

Das Volksfest am Hüttenweg lebt auch acht Jahre nach dem Abzug der Alliierten vom amerikanischen Traum

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Von Sigrid Kneist

Für einen kleinen Moment ist es wie früher. „Yes, Sir? What do you want?“ fragt Scott Martin resolut über seinen Tresen des „Hamburger Heaven“ , um gleich darauf den Wunsch des Kunden in nicht minder schneidigem Ton nach hinten zu brüllen: „One Hamburger!“ So klangen sie, die jungen amerikanischen Soldaten, die einst auf den deutsch-amerikanischen Volksfesten in den Buden der Kulissenstadt standen, Burger brieten, Tacos mit Chili-Hackfleisch füllten und viel Spaß hatten. Den hatten die Berliner auch, die staunend dem Army-Tonfall lauschten und sich an amerikanischer Lebensart erfreuten. Neukölln, Tempelhof, Tegel traf Oklahoma, Iowa oder Wisconsin. Mit dem Abzug der Alliierten verschwanden die amerikanischen Soldaten aus den Imbissbuden und die GIs, die mit ihren Familien über den Rummelplatz schlenderten. Das Volksfest aber ist geblieben, auch wenn jetzt meist professionelle Betreiber die Stände betreiben. Zumindest Scott Martin und seine Crew kommen authentisch rüber: Der heutige Restaurantbesitzer kam als Soldat in die Stadt.

Ebenso wie Richard Simmons, der seit 1994 das Volksfest betreibt, ohne auf die Organisationskraft der amerikanischen Schutzmacht zurückgreifen können. Simmons ist aus der Berliner Schaustellerszene seit Jahren nicht mehr wegzudenken; derzeit ist er zweiter Vorsitzender des Berliner Verbandes. Er heiratete in die Schaustellerfamilie Hans Purwins ein und leitet seit 1986 die Firma. Das Deutsch-Amerikanische Volksfest ist nicht der einzige Rummel, den er auf die Beine stellt.

Das Volksfest am Hüttenweg ist aber das Größte und Wichtigste und reicht über den Bezirk hinaus. Nostalgiker kommen immer wieder. Mit wehmütigen Gedanken an frühere Zeiten, als im Spielzelt noch richtig gezockt wurde – Black Jack, Roulette und Baccara. Oder als GIs im Festzelt auf den Tischen strippten. Heute wird im Festzelt harmloses Bingo gespielt: Statt barer Münze kann man bei 30 Punkten eben einen Fön oder einen Sandwichtoaster gewinnen.

Auf dem Rummelplatz gelten eben die deutschen Glücksspielgesetze, über die sich die Amerikaner zu Mauerzeiten einfach hinwegsetzen konnten.

„Ne, früher war es schon viel besser“, sagt Dolores Randos–Hernandez–Vega. An diesem Abend ist sie trotzdem mit ihrem Freund gekommen. Zum Biker-Abend. Inzwischen muss sich Simmons schon einiges an Aktionen einfallen lassen, damit die Leute kommen. Biker-Abend, Ladies-Day, Miss- und Mister-Wahlen. Die letztere wurde vor zwei Jahren sogar mal von Berlins dickster Hure Molly Luft präsentiert.

Das Kulissendorf steht unter dem Motto „Florida“ und ist für Rummelplatzverhältnisse ziemlich originell. Hinter den Buden hat Simmons einen kleinen Teich anlegen, Sand aufschütten lassen. Er hat Sonnenschirme, Liegestühle und Plastikpalmen aufgestellt. Nach den ersten Tagen ist der Sand noch erstaunlich sauber. Zum wahren Florida-Feeling gehören Alligatoren und anderes Reptiliengetier. Da trifft es sich gut, dass das bayerische Schaustellerunternehmen Stey Krokodile, Kaimane, Riesenschlangen präsentieren kann, die aber leider den Großteil der Zeit nur träge in ihren Schaukästen liegen. Die vier süßen Kaninchen, die neben dem Schauwagen mümmeln, sind übrigens nicht als Appetithäppchen für die gelbe Anakonda ns Anna gedacht.

Während das amerikanische Dorf etliche Besucher hat, herrscht im Kirmes-Teil beinahe Totentanz. Kein Mensch am Turbo-Star, niemand am Auto-Scooter. Ohnehin ist nur eine wahre Attraktion zu finden. Kenner sagen, dass die Berliner Schausteller zu wenig zu bieten haben und die großen auswärtigen Unternehmen in Berlin kein Geschäft sehen. Eins ist aber trotzdem gekommen: der „Sling Shot“. In einer Kugel sitzend wird man an Stahlseilen in die Höhe geschleudert und gedreht. Auch die Frau der „süßen Linie“ bleibt auf Paradiesäpfeln, gebrannten Mandeln und Lebkuchenherzen sitzen. „Die Leute warten alle aufs Geld“, sagt sie. Auch gegenüber beim Entchen-Angeln will keiner sein Glück versuchen. „Seit dem Euro hat keiner mehr Geld, es ist ja alles teurer geworden“, sagt die Frau. Entchen-Angeln allerdings auch, früher konnte man für 5 Mark die Plastiktierchen aus dem Wasser ziehen, heute kostet das drei Euro.

Das Volksfest findet noch bis zum 18. August am Hüttenweg statt.

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