Berlin : Was für ein Zirkus

„Menschen, Tiere, Sensationen“ sind für die Berliner ein winterlicher Klassiker. Seit 1937 zeigen Dompteure und Artisten in der Manege ihr Können

Christoph Stollowsky

Das ist die hohe Kunst der Csikós, der Pferdehirten aus der Puszta-Steppe. Giovanni Spindler steht so leichtfüßig auf den Rücken zweier galoppierender Friesenhengste, als wäre die „Ungarische Post“ für ihn eine leichte Übung. Tatsächlich hat er zwei Jahre lang täglich mit seinen schwarzen Friesen und schneeweißen Arabern dafür trainiert. Und noch vor einem Jahr, als er seine Glanznummer erstmals bei „Menschen, Tiere, Sensationen“ vorführte, riss ihn der wildeste seiner weißen Renner an der Longe von den zwei Pferderücken, so dass er sich die Schulter auskugelte. Doch diesmal klappt alles bestens: Acht Araberpferde laufen hintereinander unter seinen gegrätschten Beinen hindurch, blitzschnell schnappt Giovanni ihre Leinen – bis er die ganze Herde vor sich hertreibt. Eine Nummer, die man in Europas Manegen nur noch selten sieht.

Doch im Zirkuszelt auf dem Festplatz am Kurt-Schumacher-Damm kann man zurzeit neben Clowns oder Schleuderbrett-Artisten vor allem solche circensischen Traditionen erleben – klassische Tierdressuren mit Elefanten, Kamelen, aber besonders mit Pferden – sowie artistische Reiterei.

Ganz ähnlich führte schon der legendäre Berliner Zirkusdirektor Ernst Jakob Renz im 19. Jahrhunderts seine „Meute Rappen“ im damaligen Zirkusbau am Schiffbauer Damm vor, so ließen die Meister der Dressur des einstigen Berliner Zirkus Busch in den Zwanzigern oder später Karl Sembach Krone und Fredy Knie senior in den Fünfzigern ihre Pferde Pirouetten drehen oder Komplimente machen. Und solche großen „Freiheitsdressuren“, bei denen die Tiere nur mit Peitschenknall, Stimme und Handzeichen dirigiert werden, stehen schon von Anfang an im Mittelpunkt des langjährigsten Berliner Zirkus-Klassikers „Menschen, Tiere, Sensationen“ – von den Berlinern kurz „MTS“ genannt.

Zum 59. Mal ist diese Show diesmal zu sehen. 1997, als ihr früherer Spielort – die Deutschlandhalle – geschlossen wurde, wäre „MTS“ beinahe aufgegeben worden. Aber dann griff Giovanni Spindlers Berliner Großfamilie ein, deren Vorfahren schon seit zwei Jahrhunderten Tiere für die Manege dressieren und Akrobatik zu Pferde vorführen.

Bis in die späten achtziger Jahre waren die Spindlers mit ihrem ungewöhnlichen Zoo im Gefolge verschiedenster Zirkusse durch Europa gereist, doch 1996 erwarben die Eltern des 32-Jährigen Giovanni, Katharina und Bernhard Spindler, die Titelrechte des einstigen DDR-Staatszirkus „Berolina“ und gründeten mit diesem Namen ihr eigenes Zirkusunternehmen. Seither ziehen sie durch Deutschland, beziehen im Spätherbst ihr Winterquartier bei Schönefeld – und rüsten sich dann für „Menschen, Tiere, Sensationen“. Denn seit nunmehr zehn Jahren bauen die Spindlers ihr Berolina-Zelt über Weihnachten/Neujahr am Festplatz auf. Dort setzen sie die „MTS“-Tradition fort.

Die Pfützen sind gefroren und die Scheiben vieler Wohnwagen voller Reif im kleinen Dorf der Artisten und Dompteure zwischen Zelt und Tiergehegen am Festplatz. Die Spindlers sind gut vertreten. Hier wohnen zurzeit die Großeltern und die meisten ihrer sechs Söhne mit Frauen und Kindern – drei Generationen, mehr als dreißig kleine und große Zirkuskünstler, darunter Giovannis vierjähriger Jarny, der schon erste Bälle jongliert, und dessen Mutter Adela, die Kameldompteurin. Und Mittwochabend feiern sie alle zusammen Silvester. Natürlich im größten Wohnwagen vom Zirkuschef.

„Schon als Kind hab’ ich bei den Pferden gespielt“, erinnert sich Giovanni. „Die waren für mich riesengroße Kumpels wie für andere Jungs Hunde.“ Sein Großvater lehrte ihn Dressurtricks, Fredy Knie senior war sein Vorbild. „Das Pferd will alles, was wir von ihm wollen, gut machen“, sagt der drahtige Mann im Kostüm der Puszta-Hirten. Das hat er auch seinen 13- bis 16-jährigen Neffen beim Training klargemacht. Marcello, Mario und Marlon sind diesmal die Jüngsten in der Manege, zeigen Saltos und Jonglagen auf Pferderücken. Wie macht man einen Salto rückwärts im schnellen Ritt? „Unbedingt weit nach vorne abspringen“, lacht Marlon, „sonst landen Sie hinter dem Pferd.“

Bis 4. Januar am Festplatz, Kurt-Schumacher-Damm, täglich 15 und 19 Uhr, 1. und 2. Januar nur 17 Uhr, 4. Januar 15 Uhr. Ab 13 (8,-) Euro, Hartz-IV-Empfänger 5 Euro, Tel.: 0171-521 44 98

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