Berlin : Was keiner gesehen haben will

Ein Katalog zum Themenjahr 1933/2013 skizziert Berlin-Geschichten des 20. Jahrhunderts.

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Fotos: dpa/Goettert; cuture-images/Lebrecht; Kielmann/promo
Fotos: dpa/Goettert; cuture-images/Lebrecht; Kielmann/promo

Ein Regisseur macht Filmgeschichte, wird von Nazi-Führern bewundert, emigriert nach Hollywood. Eine avantgardistische Sopranistin, diffamiert als „greulichste jüdische Sängerin Berlins“, flieht nach Prag und von dort, durch einen Sturz berufsunfähig, nach Palästina. Ein Gymnasiast muss die Schule verlassen, überlebt im Untergrund als Passfälscher, während seine Familie deportiert und ermordet wird. 140 Portraits von berühmten, vergessenen oder unbekannten Verfolgten des „Dritten Reiches“ versammelt der Katalog „Zerstörte Vielfalt“: eine mit Lebensdaten und knapper Information begleitete Bild-Parade zum Berliner Themenjahr 1933 – 1938 – 2013.

Am Anfang des Buches treten auf: Fritz Lang, der Erfinder von „Metropolis“, und die Operndiva Rose Pauly. Den Abschluß bildet Samson Schönhaus, genannt Cioma, einziger Sohn einer russisch-jüdischen Einwandererfamilie, die in der Sophienstraße eine Mineralwasser-Handlung besaß. 1943 konnte er mit gefälschtem Wehrpass samt Urlaubsschein in die Schweiz fliehen, wurde später Grafiker, lebt heute bei Basel.

Die Stärke dieser Coffee-Table-Enzyklopädie besteht in der Mischung von Standardwissen und pointierten Details zu lokalen Entdeckungen, historischen Seitenpfaden. So kam ein Lehrmittel für unterschiedliche Generationen und Kenntnisstände zustande. Wenn das Themenjahr mit seinen Veranstaltungen und wandernden Litfasssäulen, deren Fotomaterial hier zusammengefasst wird, verflogen sein mag, wäre zwischen diesen Buchdeckeln ein Resümee zur Berlinkunde des 20. Jahrhunderts festzuhalten.

Den biografischen Teil ergänzt die punktuelle Stadtführung „11 Orte – 66 Geschichten“ topographisch. Wo „Der Weg der Deportierten“ durch ihre Stadt beschrieben wird, bleibt die Bilderleiste lakonisch leer: Es existieren offenbar in Berlin keine Aufnahmen davon, was viele sahen und niemand gesehen haben will.

Eine wiederkehrende Formulierung fällt auf bei den komprimierten Bildunterschriften, mit denen die Portraits der Verfolgten vorgestellt werden: „ … konnte an frühere Erfolge nicht mehr anknüpfen“. Denn jenen, die nie vertrieben wurden, erzählt das spezielle Gedenktafelbilderbuch so auch nebenbei, wie schwer es für Migranten werden kann, zur Rettung der eigenen Haut Brücken abzubrechen und ganz neu anzufangen. Thomas Lackmann

„Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933 – 1938 – 1945“, Hrsg. Moritz van Dülmen, Wolf Kühnelt und Bjoern Weigel. Kulturprojekte Berlin 2013, 272 Seiten, 14,80 Euro. Das Buch ist im Tagesspiegel-Shop erhältlich.

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