Was machen wir heute? : Mutti sein

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Im Punkt Vereinbarkeit von Familie und Beruf waren die Frauen in der DDR uns Geschlechtsgenossinnen im Westen weit voraus. Während wir noch dabei waren, uns selbst zu finden und anfingen, uns in unseren Berufen als Lehrerin, Redakteurin oder – selten – Ingenieurin zu behaupten, wurden die DDR-Frauen Lehrer, Redakteur, gar nicht selten Ingenieur – und Mutter. Meist viel früher als wir Westlerinnen.

Aber wie würdigte die DDR-Gesellschaft diese gestandenen werktätigen Frauen? Sie machte sie mehr oder weniger offiziell zur Mutti. Die lieben Kleinen sangen „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht ...“ oder lernten zum Frauentag am 8. März das Gedicht „Meine Mutti, die ist tüchtig, alles macht sie klug und richtig, zu Haus’ und im Betrieb. Mutti, ich hab dich so lieb!“. Im Auftrag des DDR-Gewerkschaftsbundes malte Fritz Skade 1964 das Bild „Mutti kommt heim“, das der „Spiegel“ – nebenbei bemerkt – mal als einen der ästhetischen Tiefpunkte der DDR-Kunst bezeichnete. Über das „Mutti-Heft“ kommunizierte man in der Schule mit dem Lehrer. Das „Mutti-Land“ der Emanzipation, wie eine Oldenburger Historikerin die DDR unlängst bezeichnete, gibt’s bekanntermaßen schon seit geraumer Zeit nicht mehr, aber die Muttisierung hat auch bei uns Einzug gehalten.

In spöttischen Momenten nennt mich Charlotte gerne Mutti. Eine ihrer Freundin kommentiert ein Foto von mir in Facebook nur mit „Ah, Mutti“. Ich wiederum starte den „Mutti-Shuttle“, wenn meine Tochter spät abends unterwegs ist. Bei Clubs, zu denen Jugendliche Zutritt haben, reihe ich mich am Wochenende gegen Mitternacht in die Mutti-Taxen-Schlange ein. Aus Gründen der Diskretion natürlich auf der anderen Straßenseite. Besonders wichtig ist der „Mutti-Zettel“. Der heißt auch in WestDeutschland so. Auf dem erklären die Erziehungsberechtigten, dass ihr Kind zu einer Party darf. Unterschreiben dürfen ihn übrigens auch die Väter. Sigrid Kneist

Mutti-Zettel zum Downloaden gibt’s unter www.partylink.de. Dort findet man auch Angebote Berliner Clubs für Jugendliche.

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