Was macht die Familie? : Bloß kein falscher Ehrgeiz

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann.

Stephan Wiehler

Einer der härtesten Gegner des Menschen in seinem Daseinskampf, so scheint es mir manchmal, ist der eigene Ehrgeiz. In dieser Woche erreichte mich im Büro eine Anfrage meiner neunjährigen Tochter, die keinen Aufschub bis nach Feierabend duldete. Emma schickte mir eine SMS und wollte wissen: „Ist eine drei im Mathetest okay? Antworte bitte.“ Der etwas zerknirschte Duktus, in dem die Kurzmitteilung verfasst war, legte die Vermutung nahe, dass Emma mit dem Testergebnis selbst nicht recht zufrieden war, und machte eine Antwort eigentlich überflüssig. Aber als Vater neigt man dazu, die hohen Erwartungen, die Kinder an sich und ihre Eltern stellen, nicht zu enttäuschen, also schrieb ich: „Eine zwei wäre natürlich besser gewesen – Papa.“

In diesen Tagen denken wir, wie tausende andere Eltern in Berlin, darüber nach, auf welchen Bildungsweg wir unsere Tochter schicken sollen. Emmas Klassenlehrerin meint, sie sollte mit Beginn des kommenden Schuljahres auf ein grundständiges Gymnasium wechseln, also die Grundschule bereits nach der vierten Klasse verlassen. Gewiss ist das eine Empfehlung, die auch Eltern schmeichelt, und Emma bringt, abgesehen von etwas Unlust an Rechenaufgaben, sicher gute Voraussetzungen dafür mit. Dazu zählt nicht zuletzt, dass sie das Glück hat, zweisprachig aufzuwachsen, weil meine Frau Italienerin ist. Doch wie alle Eltern, die das beste für ihre Kinder wollen, begleitet uns die Sorge, unsere Tochter mit dem frühen Wechsel zu überfordern. Möglicherweise könnte sie es leichter haben, statt am Gymnasium in zwölf Jahren zum Abitur zu hetzen, bequem ein Jahr länger an einer Sekundarschule zu lernen und am Ende die Hochschulreife vielleicht sogar mit einer besseren Note zu erreichen. Und nebenbei etwas mehr Zeit für Kindheit und Jugend zu gewinnen.

Die Entscheidung, den richtigen Bildungsweg für die eigenen Kinder festzulegen, gehört wohl zu den schwierigsten und schwerwiegendsten, die Eltern treffen müssen. Viele Eltern neigen dennoch dazu, sich diese Entscheidung leicht zu machen. Das gilt auch für uns. Wir haben uns entschlossen, der Empfehlung der Klassenlehrerin zu folgen, und suchen jetzt einen Platz an einem grundständigen Gymnasium. Es gilt aber wohl ebenso für Eltern, die ihre Kinder gegen die Empfehlung der Grundschule ins Gymnasium schicken. Die hohe Zahl der Schüler, die im Probejahr scheitern und an Sekundarschulen wechseln müssen, zeigt, dass am Ende die Kinder die Bürde tragen, die ihnen falscher Ehrgeiz auferlegt. Stephan Wiehler

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