Was macht die Familie? : Blumen sprechen lassen

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann.

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Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm und kann insofern durchaus mit der Birne verglichen werden. Womit wir bei Lina wären, die demnächst zwei Jahre alt wird und uns als verantwortungsvolle Eltern folglich zu ersten Gedanken über ihre beruflichen Perspektiven veranlasst. Wir wollen nicht wieder so knapp dran sein wie bei der Suche nach dem Kitaplatz. „Da sind Sie aber ’n bisschen spät dran“, hatte uns eine Leiterin beschieden, als wir während des siebten Schwangerschaftsmonats fragten, ob denn vielleicht ab dem Herbst nach Linas erstem Geburtstag ein Platz … – Beim Zopfe der Jugendsenatorin: Genau so war es!

Da die Kinder bekanntlich soo schnell groß werden, erziehen wir Lina nach dem Motto „Stärken stärken“. Ich glaube, nach diesem Prinzip wird auch Brandenburg verwaltet, wo der Speckgürtel immer fetter wird und die Natur sich den Rest zurückholt, sofern Vattenfall nicht schnell einen Tagebau aufmacht.

Zurück zu Linas beruflichen Perspektiven. Ihre Passion für die BSR hat sich wieder gelegt. Nachdem sie im Herbst noch bei jeder rumpelnden Tonne zum Fenster gestürzt war, haben wir ihr zu Weihnachten ein Playmobil-Müllauto geschenkt. Aber das steht seit Wochen herum. Nicht, dass sich stattdessen mädchentypische Stereotype wie die karrieretechnisch sackgassengefährdete Friseurin abzeichnen würden: Haare schneiden lässt sie sich nur unter Geschrei. Stattdessen verschenkt sie ihr Herz an Pflanzen. Auf botanischen Führungen zeigt und benennt sie uns mehrmals täglich den getrockneten Berberitzenstrauß im Regal, die Forsythia auf dem Tisch, die Palme am Fenster. Vor jeder Mahlzeit kontrolliert sie den Wasserstand der mutmaßlich unfair gehandelten Schnittblumen, die gelegentlich unser Wohnzimmer zieren. Den – leider giftigen – Oleander auf dem Balkon begrüßt sie mit Handschlag, den Duft des Rosmarins inhaliert sie durch Überstülpen eines Nasenflügels, und in den anderen Topfpflanzen deponierte sie am Sonntag je eine Kastanie aus ihrem Fundus mit dem Hinweis: „Dann freuen die sich.“ Draußen gibt es immer großes Hallo beim „Würstchenbaum“, wie der Haselstrauch auf der anderen Straßenseite bei Lina heißt. Das tägliche Wiedersehen all dieser Gefährten hilft ihr über das Trauma der am Straßenrand entsorgten Weihnachtsbäume, das sie bis in den März hinein beschäftigt hat.

Dass Lina als einfache Floristin endet, ist aber schwer vorstellbar. Sie ist vom Typ her eher Chef. Aber ich könnte mir vorstellen, später als Rentner ein bisschen bei ihr auszuhelfen. Stefan Jacobs

Für Naturerlebnisse mit Kindern: www.umweltkalender.de

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