Was macht die Familie? : Das Ozonloch schließen

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann.

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Unser Kleiner ist der Größte in seiner Klasse und gleichzeitig der Jüngste von allen, er überragt manch älteren Kameraden um Haupteslänge. Darauf ist er stolz. Andere Begleiterscheinungen des Wachsens und Reifens sieht er dagegen kritisch, seitdem er sie beim älteren Bruder erlebt hat. „Ich möchte nicht in die Pubertät kommen“, vertraute er mir kürzlich an. Offenbar trifft das auch auf einige seiner zehnjährigen Freunde zu: „Ich glaube, Tilmann kommt auch nicht in die Pubertät.“

Das unterstütze ich! Die Welt wäre besser, wenn der Mensch sich vom Kind zum Erwachsenen wie eine Blüte harmonisch entfalten könnte, ohne zwischendurch zu einem verbiesterten, verknoteten, verkorksten, pardon, Kotzbrocken zu werden. Ich halte also alles von dem Kind fern, was es in die Pubertät katapultieren könnte. Wir probieren halt mal, ob es auch ohne geht.

Das ist nicht immer leicht. Kürzlich brachte ihn der Duden, eigentlich ein eher dröges, in jedem Falle hochseriöses Machwerk, fürchterlich zum Lachen. Das Kind kicherte und konnte sich gar nicht wieder einkriegen: „Das Lexikon ist verrückt geworden!“, rief es. Tatsächlich, fragte ich, wieso denn? Es hielt mir das Buch hin und zeigte mit dem Finger auf wahnsinnig gewordene Wörter. „Guck mal da!“ Ich guckte. „Busengrapscher!“ Das Kind kicherte und fand das nächste Irrsinnswort gleich unter einem sowieso verdächtigen Buchstaben: „F – Fickmühle! Was ist das denn?“ Das war mir für den guten Duden peinlich, und ich stellte mir wilde Dinge vor. Bis ich die Erklärung las: Das Wort „Fickmühle“ wird landschaftlich für „Zwickmühle“ verwendet. Auch ich befinde mich also in einer Fickmühle, denn wie kann ich dem Kind die Pubertät ersparen und ihm dennoch die Welt erklären?

Immerhin trägt die Schule zur politischen Reifung bei. Die ganze Klasse war im Reichstag und wurde, so berichtet das Kind, „von einer Erklärfrau durch den Penalsaal geführt“. Hängen geblieben von der demokratischen Unterweisung ist, dass „der große Adler von der einen Seite fröhlich und auf der anderen Seite ernst guckt“. Die Zukunft hat zwei Gesichter, das ist die Fickmühle. Wie wird deine Zukunft aussehen, Kind?, fragt sich die besorgte Mutter. „Ich weiß noch nicht, was ich beruflich machen möchte“, sagte der Sohn zuletzt. „Aber das Ozonloch möchte ich schon schließen.“ Ich glaube fest daran, dass ihm und seiner klugen Generation das gelingen wird. Die Pubertät können sie dafür von mir aus gern überspringen.Dorothee Nolte

Im Bundestag gibt es Kindertage und Führungen für Schulklassen. Den Audioguide für Kinder samt Film kann man sich unter www.bundestag.de anschauen.

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