Was macht die Familie? : Der Zeit hinterherschauen

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann

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Die jüngere Tochter hat das Abitur geschafft, die Ältere bald Semesterferien – beneidenswert, so viel Zeit fürs Leben im Jetzt, sagt der Vater. Denkste, sagt Lara. Ich habe null Freizeit, erst Hausarbeit schreiben, dann Praktikum, zwischendrin Geld verdienen, dann sind die Semesterferien rum. „Ich habe auch keine Zeit“, klagt die 18-jährige Franca: Ich muss klären, was ich machen will, und mich an Unis bewerben.

Purer Stress also, wo der Vater grenzenloses Chillen erwartete. Echt witzig, antwortet die 20-jährige Lara. „Zeitmanagement ist das Wichtigste, was wir nach der Schule lernen mussten. Wer das nicht schnell begreift, bleibt auf der Strecke.“ Zeitmanagement, denkt der Vater, war für Studenten früher ein Fremdwort. Wie sich die Zeiten ändern. Er verweist auf den Stamm der Amundawa aus dem Amazonasgebiet, der ohne jede Vorstellung von Zeit auskommt. Sätze wie „das Wochenende kommt“ oder „die Party ist am Freitag“ seien in der Sprache der Amundawa nicht zu formulieren, haben Wissenschaftler nun herausgefunden. Das ist ähnlich wie bei euch, sagt der Vater: Was ihr am Wochenende vorhabt, ist manchmal auch nicht zu erfahren. Wir müssen doch nicht alles sagen, kontert Lara, bevor sie mit dem Roller zum nächsten Termin flitzt. War es nicht erst vor kurzem, dass die Eltern das Leben der Kinder zeitmanagementmäßig fest im Griff hatten und sich vom Brote schmieren bis zum Zahnweh um alles kümmern mussten? Alles hat eben seine Zeit – auch diese Kolumne, weil die Kinder nun Erwachsene sind. Deshalb verabschiedet sich nun dieser Vater. Gerd Nowakowski

Andere Zeiten, andere Welten kann man im Ethnologischen Museum in Dahlem erleben. Lansstraße 8, Di. bis Fr. 10–18 Uhr, Sa. und So. 11–18 Uhr

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